Politik Leitartikel: Zu Gast bei Putin

Die Fußball-WM findet in einem Land statt, das von einem lupenreinen
Autokraten geführt wird: Wladimir Putin.
Ein Boykott des Turniers liegt da nahe. Nützen würde er aber wenig. Keine Inszenierung kann etwas an der Wahrheit ändern, dass Russland unterm Strich ein marodes Land ist.
Wäre die Fußball-WM 2018 nicht schon 2010 vergeben worden, sondern 2014 – auf dem Höhepunkt der Ukrainekrise –, hätte die Fifa trotzdem Russland zum Austragungsort erkoren? Vielleicht, aber die Überlegung ist müßig. Erstens braucht es so langen Vorlauf, um solche Riesenspektakel vorzubereiten, und zweitens hat der Fußballweltverband ja kein sonderliches Problem mit autokratischen Staaten. Ja, mit Blick auf die Krim-Annexion 2014 oder auch die Hackerangriffe vor der US-Wahl 2016 gibt es reichlich Konfliktstoff. Aber was brächte ein Boykott? 1936 zu den Olympischen Spielen in Adolf Hitlers Berlin oder 1978 zur Fußball-WM im Junta-Staat Argentinien gab es aus triftigen Gründen heftige Debatten. Was ist haften geblieben? 1936 holte der schwarze US-Athlet Jesse Owens vier Goldmedaillen; 1978 gab es die Schmach von Córdoba für den amtierenden Weltmeister aus der Bundesrepublik. Der Wunsch, über den Sport gezielt Diktaturen zu kurieren, muss ein frommer bleiben. Ja, die Nazis inszenierten „ihre“ Spiele von Berlin, und ja, den WM-Sieg der Gauchos unter Trainer César Luis Menotti haben die argentinischen Militärs für sich ausgeschlachtet. Aber wäre per Olympiaboykott der Zweite Weltkrieg verhindert worden? Wäre in Argentinien weniger gefoltert worden? Nein. Und als der Westen Olympia in Moskau 1980 boykottierte, trug dies nicht wirklich zum Ende des Kalten Kriegs bei. Auch Wladimir Putin geht es um wirkmächtige Bilder, wenn die Welt zu Gast bei ihm und seinen 142 Millionen Landsleuten ist. Schon bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 war das nicht anders. Aber keine Inszenierung kann etwas daran ändern, dass Russland in Wirklichkeit gar nicht so großartig ist, wie der Kreml weiszumachen versucht. Ex-US-Präsident Barack Obama hat es so ausgedrückt: Russland ist geografisch riesig, aber ansonsten nur eine mittelgroße Macht. Die russische Wirtschaft (etwa so groß wie die Spaniens) ist staatslastig und fatal vom Ölpreis abhängig. Russland ist trotz der Pracht Moskaus und Sankt Petersburgs ein Land maroder Infrastruktur und tiefer Armut. Dass Putin eine Mehrheit für seine auf Staatsmacht und Nationalismus gepolte Politik hinter sich weiß, heißt nicht, dass die Russen nicht die dunkle Seite seiner Regentschaft sähen – zu der neben Repression auch Korruption gehört. Sonst wäre der Oppositionelle Alexei Nawalny nicht in der Lage, landesweite Proteste loszutreten. Aber die Mehrheit will auch keine neue Zeit der Wirren wie die 1990er, als das postsowjetische Russland das Opfer kapitalistischer Schocktherapie wurde, an der auch die USA ihren Anteil hatten. Russland entkam nur knapp dem Kollaps. Putin steht zudem für eine Politik des starken Anführers, die rund um den Erdball funktioniert – von Venezuela über die Türkei bis China. Auch das relativiert Boykottrufe aus der EU. Wie wird das heute beginnende WM-Turnier in Erinnerung bleiben? Hoffentlich nicht wegen Terrorismus. Erst im Mai tötete der IS in Tschetschenien in einer Kirche drei Menschen; im April 2017 starben 14 Menschen bei einem Sprengstoffanschlag in der Petersburger U-Bahn. Hoffentlich stehen die Freude am Spiel und die Fans aus aller Welt im Fokus. Ob nun deutsche Politiker zur WM reisen, ist weniger wichtig als die politische Rolle, die den Fans zukommt. Sie können ihren Gastgebern hunderttausendfach zeigen, dass das Zerrbild in russischen Medien, wonach das Ausland ihnen nur böse gesonnen sei, zu den Lügen des Kreml zählt. Das kann Russland nicht umkrempeln, aber mehr ändern als ein G-7-Gipfel ohne Putin.