Politik Leitartikel: Welt im Wandel

Die Europäer erleben einen möglicherweise historischen Umbruch: das Ende der transatlantischen Beziehungen in ihrer bisherigen Form. Schwächt
Europa sich auch noch selbst, wird es zur leichten Beute anderer Mächte. Für Donald Trump ist Europa
lediglich ein lästiger wirtschaftlicher Konkurrent.
Den meisten Menschen fällt es schwer, sich eine Welt vorzustellen, die grundlegend anders ist als die, in der sie gerade leben. Das gilt im Privatleben ebenso wie für die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Dabei zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher, dass das einzig historisch wirklich Beständige der Wandel ist. Geschichte hat eben kein „Ende“, anders als dies Francis Fukuyama Anfang der 90er Jahre postulierte. Damals erklärte der US-amerikanische Politikwissenschaftler die liberale Demokratie zum historischen Endpunkt. Wie rasant, in Teilen abrupt, auch chaotisch der Wandel verläuft, bekommen derzeit die Europäer zu spüren. Zumindest im Westteil des Kontinents galten die transatlantischen Beziehungen als nicht zu hinterfragende Konstante der internationalen Politik. Grundlage dieser Zusammenarbeit Europas mit den USA auf politischem, wirtschaftlichem und nicht zuletzt sicherheitspolitischem Gebiet waren gemeinsame Wertvorstellungen. Nun aber macht sich US-Präsident Donald Trump mit beispielloser Konsequenz und Brutalität daran, die Fundamente dieser Beziehungen zu zerstören. Europa könnte dadurch in eine Lage geraten, vor denen Skeptiker schon in den 70er und 80er Jahren warnten: in eine Sandwichposition zwischen den USA und Russland, in der der Kontinent zum Spielball zweier Großmächte wird. Trump jedenfalls lässt keinen Zweifel daran, dass er auf alle transatlantischen Traditionen pfeift, dass Europa für ihn lediglich ein lästiger wirtschaftlicher Konkurrent ist, der seiner Vision eines „America first“ im Wege steht. Sein Ziel, Europa zu spalten und zu schwächen, bildet dabei eine Gemeinsamkeit mit Russlands Präsident Wladimir Putin. Ob dieses Szenario eintritt oder nur eine der zahllosen scheinbar zwangsläufigen Zukunftsvisionen bleibt, die sich am Ende als realitätsfern erweisen, hängt auch von Europa selbst ab. Die EU befindet sich derzeit in der wohl kritischsten Phase ihrer über 60-jährigen Geschichte. Denn nach der Ära der internationalen Zusammenarbeit, für die die EU wie kein zweiter Zusammenschluss souveräner Staaten steht, mehren sich nun die Anzeichen für ein Wiedererstarken nationaler, gar nationalistischer Politik. Siehe Trump, siehe aber auch EU-Mitglieder wie Ungarn, Polen und neuerdings Österreich und Italien. Ein solches Europa aber, in dem der Kompromiss als Schwäche, die Suche nach gemeinsamen Wegen als Zeitverschwendung gilt, in der jeder meint, alleine am besten zurechtzukommen, wird, diese Voraussage sei gewagt, zur leichten Beute derer, die sich von einem geschwächten, zerrissenen Europa eigenen – politischen, wirtschaftlichen – Gewinn versprechen. Vielleicht, aber auch das ist nicht mehr als eine Hoffnung, wird das Wüten Trumps jenen die Augen öffnen, die glauben, ein ordentlicher Schuss Nationalismus, gepaart mit autokratischer Attitüde, könne den Weg in eine bessere Welt bereiten. Wohin dieses Denken führen kann, sollten gerade jene, die den „guten alten Zeiten“ nachtrauern, am besten wissen. Zumal diese Zeiten endgültig vorüber sind. Irgendwann wird auch die Ära Trump vorüber sein. Das transatlantische Verhältnis aber wird dann nicht mehr das sein, was es zuvor war. Die globalen Herausforderungen jedoch bleiben: Klimawandel, weltweite Wanderungsbewegungen, Umweltverschmutzung, die Suche nach einer „gerechteren“ Welt. Um sie zu bewältigen, braucht es, allem Wandel zum Trotz, Zusammenarbeit – in Europa und weltweit.