Politik Leitartikel: Staatsfeinde auf ewig

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Verhaftungen, Mord, Folter und Einreiseverbote: Die Krimtataren sind nach der russischen Annexion der Halbinsel vielfältigen Repressionen ausgesetzt. Jeder Zehnte hat bereits seine Heimat verlassen. Ihre Kooperation mit der deutschen Wehrmacht hat Stalin den

Krimtataren nie verziehen.

Als die ukrainische Sängerin Jamala vor einem Jahr überraschend den Eurovision Song Contest gewann, rückte die Krim kurzzeitig wieder ins Zentrum des Interesses. Und mit ihr die Krimtataren, zu denen auch Jamala gehört und deren Schicksal sie in ihrem Siegerlied besungen hatte. Inzwischen hört man nichts mehr – weder Gesang noch Reden. Russland hat auf der 2014 annektierten Krim inzwischen Fakten geschaffen. Die meisten der ukrainischstämmigen Bewohner haben die Halbinsel verlassen. Ebenso fast jeder Zehnte der rund 300.000 dort lebenden Krimtataren. Diese sind zur Zielschreibe russischer Repression geworden. Hatten sie doch anhaltend Widerstand gegen die Annexion der Krim geleistet und das umstrittene Referendum, das das Herauslösen der Halbinsel aus dem ukrainischen Staatsgebiet legitimieren sollte, bekämpft. Vor einem Jahr bestätigte das oberste Gericht Russlands in letzter Instanz ein Urteil, das die Medschlis (die Vertretung der Krimtataren) zur extremistischen Organisation erklärt und verboten hatte. Krimtataren können daher allein wegen ihrer Mitgliedschaft in der Medschlis zu bis zu sechs Jahren Haft verurteilt werden. Achtem Schijgos, stellvertretender Vorsitzender der Medschlis, muss jetzt sogar acht Jahre lang hinter Gitter, weil er im Februar 2014 an einer Demonstration für den Verbleib der Krim im ukrainischen Staatsgebiet teilgenommen hat. Mindestens 48 weitere Aktivisten sind Menschenrechtlern zufolge in den vergangenen dreieinhalb Jahren spurlos verschwunden. Russland greift durch auf der Krim. Und die Welt schaut zu, besser gesagt: Sie schaut weg. Die Krimtataren haben sich am heftigsten gegen die Annexion der ukrainischen Halbinsel durch die Russen gewehrt. Und bekommen nun den Zorn der neuen Herren zu spüren. Zumal das Verhältnis zwischen den Abkömmlingen der Mongolen und den erst in St. Petersburg und später in Moskau herrschenden weißen und roten Zaren schon immer ein sehr schwieriges, bisweilen sogar ein äußerst blutiges war. Über die eurasische Steppe waren die Mongolen ab dem Ende des 13. Jahrhunderts nach Europa eingefallen. 200 Jahre lang war Russland mongolische Provinz, wurde von der „Goldenen Horde“ beherrscht und ausgeplündert. Schließlich wendete sich das Blatt und am Ende wurde das Khanat der Krimtataren zum russischen Protektorat. In der Folge sympathisierten und kollaborierten die Krimtataren mit jedem, der den Russen das Leben schwer machte – so auch mit der deutschen Wehrmacht, die 1942 die Krim besetzte. Stalins Rache war furchtbar. Nach Kriegsende wurden bis zu 400.000 Krimtataren nach Sibirien deportiert. 50 Jahre ist es nun her, dass die Sowjetmacht sie offiziell zumindest vom Vorwurf des kollektiven Verrats freisprach. Aber erst nachdem die Sowjetunion zusammengebrochen und die Ukraine unabhängig geworden war, konnten sie in ihre Heimat zurückkehren. Ein knappes Vierteljahrhundert später sind die Nachfahren der einst so mächtigen Mongolen zur verfolgten Minderheit geworden, für die sich kaum noch jemand interessiert. Ankaras starker Mann, Recep Tayyip Erdogan, schwingt sich zwar ab und zu verbal zum Beschützer des muslimischen Brudervolks auf. Letztlich sind die Krimtataren für den türkischen Staatspräsidenten aber nur entbehrliche Schachfiguren im politischen Spiel mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Und der Westen würde die Halbinsel insgeheim am liebsten ganz abschreiben. Die Krimtataren sind wieder einmal auf sich allein gestellt.

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