Politik Leitartikel: Rücksichtslos

Mit den Strafzöllen zeigt US-Präsident Trump endgültig sein wahres Gesicht
in der Handelspolitik. Langjährige Beziehungen zu Nachbarn
und die transatlantische Freundschaft zählen für ihn nicht. Nicht übertreiben sollte es die EU mit Gegenmaßnahmen. Sonst drohen
gefährliche Kettenreaktionen.
Was will man erwarten von einem Mann, der die Mentalität eines Immobilien-Hais aus Manhattan mit ins Weiße Haus genommen hat? Donald Trump teilt einfach nicht die Auffassung der meisten Europäer, dass der freie Handel am Ende allen nützt. Es ist ihm herzlich egal, wie es anderen Nationen geht. Er hat nur seine eigene Wirtschaft im Blick und erhofft sich kurzfristig Erfolge. Man hätte gewarnt sein müssen, als er in einer seiner ersten Amtshandlungen gleich das Transpazifische Handelsabkommen TPP für die USA vor die Wand fuhr. Es waren auch keine leeren Drohungen, als er neulich in Davos gegen angeblich unfaire Handelspraktiken polterte. Spätestens jetzt, da Donald Trump der ganzen Welt den Handelskrieg erklärt, ist es an der Zeit zu begreifen: So lange er im Amt ist, wird er nicht davor zurückschrecken, weiter Handelsschranken aufzubauen, Strafzölle zu verhängen und den US-Markt gegen Konkurrenz aus aller Welt abzuschotten. Der America-first-Politiker Trump betreibt rücksichtslosen Nationalismus in Reinkultur. Langjährige Handelsbeziehungen zu Nachbarn, die transatlantische Freundschaft, alles das zählt für ihn nicht. Um des wirtschaftlichen Vorteils willen ist er bereit, alles aufs Spiel zu setzen. Doch wenn er sich die Wirtschaftsgeschichte angeschaut hätte, wüsste er: Letztlich schadet er der eigenen Industrie mit den protektionistischen Maßnahmen. Die US-Unternehmen werden langfristig an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, wenn ihnen jetzt die lästige Konkurrenz aus dem Ausland vom Leibe gehalten wird. Die EU wird in den nächsten Tagen ihrerseits Strafzölle gegen US-Importe verhängen. Apple-Computer, Smartphones und Motorräder von Harley Davidson könnten betroffen sein. Man sollte aber nicht die Illusion haben, dass Trump sich davon beeindrucken lässt. So unberechenbar Trump ist – eine Konstante ist sein Hang zu Protektionismus. Noch ist die Dimension des Konflikts überschaubar. EU-Staaten haben 2017 Waren im Wert von 375 Milliarden Euro in die USA exportiert. Jetzt könnten Stahlexporte im Wert von fünf Milliarden Euro mit Strafzöllen belegt werden. So bitter es für die Stahlbranche ist, der wirtschaftliche Schaden ist zu verschmerzen. Brüssel sollte mit Gegenmaßnahmen auch nicht übertreiben. Der Handelskonflikt mit den USA darf nicht ausarten. Sollte Washington erst einmal anfangen, Autos oder Maschinenbau-Produkte mit Strafzöllen zu belegen, würde dies für die deutsche Industrie schnell an die Substanz gehen. Die einzig richtige Strategie für die Europäer ist nun, die eigene Freihandelsagenda zielgerichtet auszubauen. Die EU sollte aufs Tempo drücken und die schon recht weit gediehenen Verhandlungen über Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen Mercosur-Bündnis und Handelspartnern in Asien vorantreiben. Die zweite große Gefahr besteht nämlich nun darin, dass weltweit das Klima für den Handel frostiger wird. Trumps Politik könnte Kettenreaktionen provozieren, andere Länder dazu bringen, ihrerseits Schutzzölle zu ergreifen. Unwahrscheinlich ist dies nicht. So werden Stahlproduzenten aus Brasilien und Kanada demnächst den Weg auf den europäischen Markt suchen, wenn Trump die USA für ausländischen Stahl abschottet. Um Schaden für die eigene Industrie abzuwenden, könnten die Europäer dann ihrerseits verleitet sein, Handelsschranken zu erlassen. Damit würde sich die EU gleich an mehreren Fronten einen Handelskrieg einhandeln. So ein Szenario muss unbedingt vermieden werden.