Politik Leitartikel: Im Umbruch

Die Digitalisierung wird das Arbeiten in vielen Bereichen gravierend
verändern. Die Gewerkschaften versuchen, darauf Antworten zu geben.
Alleine werden sie das aber nicht schaffen. Gewerkschaften waren und sind dort stark, wo viele Menschen an einem Ort, in einem Betrieb tätig sind.
Zeiten des Umbruchs sind immer auch Zeiten der Unsicherheit, der Verunsicherung. Denn alte Gewissheiten scheinen plötzlich nicht mehr zu gelten, ohne dass erkennbar wäre, was denn an ihre Stelle tritt. Momentan ist die Verunsicherung besonders groß, weil sich gleichzeitig mehrere Umbrüche ereignen. Die transatlantische Partnerschaft zwischen Europa und den USA, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine tragende Säule der internationalen Politik bildete, zeigt Risse und Erosionserscheinungen. Das Ende des „Westens“, wie wir ihn kennen, scheint nahe. Zugleich verändert sich die deutsche Gesellschaft. Dieser Prozess wurde durch die Zuwanderung Hunderttausender Flüchtlinge noch beschleunigt. Die Folge: Ein Teil der Bürger fühlt sich zunehmend fremd im eigenen Land. Das zieht Fragen nach sich. Wer ist deutsch? Was ist deutsch? Wo und was ist Heimat? Die Umbrüche im internationalen System und in unserer Gesellschaft gehen einher mit technologischen Neuerungen, die pauschal als Digitalisierung bezeichnet werden. Die Digitalisierung wird unser Leben in vielen Bereichen verändern, auch auf einem für die allermeisten existenziell wichtigen Feld: der Arbeitswelt. Nicht von ungefähr ist Digitalisierung auf dem derzeit stattfindenden Kongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes einer der am häufigsten gebrauchten Begriffe. Denn die Gewerkschaften wissen: Die Digitalisierung wird nicht nur die Art, wie viele Menschen arbeiten, verändern, sie wird Arbeitsplätze kosten und neue, andere entstehen lassen. Auch die Gewerkschaften werden sich verändern müssen, wenn sie in der digitalisierten Welt ihrem Anspruch gerecht werden wollen, die Interessen möglichst vieler Arbeitnehmer zu vertreten, Arbeit und deren Bedingungen zu gestalten. Gewerkschaften waren und sind dort stark, wo viele Menschen an einem Ort, in einem Betrieb tätig sind, ob bei der BASF oder bei Volkswagen. Hier sind, hier finden sie Ansprechpartner. Hier haben sie Wegweisendes geleistet und durchgesetzt, was dann auch anderen Beschäftigten zugutekommt. Diese Form des Arbeitens wird es weiter geben, aber ihr Anteil an der gesamten Beschäftigung wird zurückgehen, hat schon deutlich abgenommen. Da aber, wo es gar keinen gemeinsamen Arbeitsort mehr gibt, wo Arbeit immer weiter individualisiert wird, entfällt ein wichtiges Motiv für die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft: das Gefühl, gemeinsame Interessen und Anliegen zu haben und gemeinsam für diese einzutreten. Das ist ein Grund dafür, dass die DGB-Gewerkschaften seit Jahren sinkende Mitgliederzahlen verzeichnen. Die Gewerkschaften sind sich dieses für sie existenziellen Problems bewusst, suchen neue Wege der Ansprache, machen Angebote für neue Beschäftigtengruppen – bisher mit eher mäßigem Erfolg. DGB-Chef Reiner Hoffmann will nun einen „breiten gesellschaftlichen Dialog“ über Arbeit und Gesellschaft der Zukunft initiieren. Dazu kann man ihm nur viel Glück wünschen. Denn es geht um mehr als um ordentliche Löhne und vernünftige Arbeitsbedingungen; es geht auch um die Zukunft des Steuer-, Gesundheits- und Rentensystems, die allesamt auf (Erwerbs-)Arbeit gründen. Die Gewerkschaften alleine werden auf solch grundlegende Fragen keine hinreichende Antwort geben können, hier ist auch die – bisher eher zurückhaltende – Politik gefordert. Nur dann kann es gelingen, in diesen Zeiten des Umbruchs die notwendige Orientierung zu geben und so Verunsicherung und Zukunftsängste ein Stück weit einzudämmen.