Politik Leitartikel: Im Netz der Lügen

Placeholder-Image

Ein Jahr Trump im Weißen Haus – das ist ein Jahr der Unwahrheiten.

Der „Amtsstil“ des Präsidenten höhlt das Vertrauen in die Politik weiter aus.

Die internationale Glaubwürdigkeit der USA leidet. 2018 wird sich die Russland-Affäre zuspitzen. Sonderermittler Mueller will Präsident Trump befragen.

Der erste US-Präsident George Washington konnte nicht lügen. So erzählt es der amerikanische Volksmund. Als Kind soll Washington mit einem Beil einen Kirschbaum seines Vaters beschädigt haben. Als der Papa ihn zur Rede stellte, gestand der kleine George reumütig. Die Geschichte ist ein Mythos, posthum erdichtet vom Biografen Mason Locke Weems. Auch die legendäre Ehrlichkeit des großen US-Präsidenten Abraham Lincoln, bis heute als „honest Abe“ verehrt, hatte ihre Grenzen. Präsidenten sind Menschen. Und Menschen lügen. Für den 45. Präsidenten der USA gilt das mit Nachdruck. Donald Trump schert sich nicht um Wahrheiten, die ihm nicht nützen, mehr noch: Er bekämpft sie, er biegt sie, bis sie ihm gefallen. In seiner Autobiografie „Die Kunst des Deals“ nennt er 1987 seine Technik, die Wahrheit zu frisieren, „truthful hyperbole“ (wahrheitshaltige Übertreibung). Er benutzt sie bis heute. Ist Trump auch ein Lügner? Das setzte voraus, er wüsste stets die Wahrheit und verfälschte sie jeweils absichtlich. Bei ihm scheint es vielmehr ein im Charakter angelegter Drang zu sein, um sich zu schlagen. Er ist indes alles andere als ein Dummkopf. Er meint auch, was er sagt. Er glaubt an seine nationalistische Weltsicht, die rassistisch gefärbt ist. Trump vertritt sie seit den 80er Jahren. Ob er seine Ideen wahr macht, das ist die Frage. Und ob er das höchste Staatsamt so nachhaltig beschädigt, dass die Folgen über seine Regierungszeit hinausreichen. Das Ringen um die Wahrheit begann vor einem Jahr mit dem Streit über die Größe der Menschenmenge, die sich da zum Amtsantritt zwischen Capitol und Washington Monument versammelte. Seither hat Trump – nicht zuletzt dank seines Twitter-Kontos – die Welt mit oft wütenden Wortmeldungen in Atem gehalten. Das Dröhnen dieses verbalen Wasserfalls hat einen Abstumpfungseffekt bewirkt. Was noch vor zwei Jahren schockiert hätte, ist jetzt Alltag. Schulterzucken! Historische Vergleiche sind immer mit Vorsicht zu genießen. Aber Stand heute wird Trump nicht als vorbildlich in die Geschichte eingehen. Seine Dünnhäutigkeit, seine Neigung, jede Kritik gleich mit Verunglimpfungen zu beantworten, erinnern fatal an den 1974 wegen der Watergate-Affäre zurückgetretenen US-Präsidenten Richard Nixon. Wie geht es weiter? Die Affäre um die Verbindungen zwischen dem Trump-Wahlkampf 2016 und Russland spitzt sich zu. Sonderermittler Robert Mueller will den Präsidenten befragen. Sagt Trump da nicht die Wahrheit – es dürfte sein politisches Ende sein. Dieser Skandal ist bereits historisch, weil er ein ausländisches Komplott betrifft. Trump beteuert gebetsmühlenartig, alles sei nur erlogen. Aber der Kreml hat in nie dagewesener Weise versucht, den US-Wahlkampf 2016 zu beeinflussen. Und Trump ist im Netz der Lügen in dieser Affäre gefangen. Ob er nun bewusst mitlog oder sich „nur“ mit Leuten umgab, die kein Problem damit hatten, mit Russen gemeinsame Sache zu machen – beides wäre eine Katastrophe. Auch sind da vielleicht Geschäftsbeziehungen nach Moskau, die Trump bisher verschweigt. Über seine Entlassung von FBI-Chef Jim Comey hat er nachweislich die Unwahrheit gesagt. Aber reicht das aus, um Justizbehinderung nachzuweisen? Egal, was aus der „Russland-Sache“ wird: Trumps Prinzipienlosigkeit, sein Drang zur Selbstinszenierung, seine Verachtung für Fakten, die ihm nicht dienen, passen in die Zeit. Die seit den 90er Jahren so gespaltenen Vereinigten Staaten haben sich den Ausnahmezustand der Ära Trump selbst gezüchtet.

x