Politik Leitartikel: #ichgehwählen

Noch acht Tage bis zur Bundestagswahl.
Zeit genug, sich über Parteiprogramme und Kandidaten zu informieren
und dann seine Stimme abzugeben. Die Demokratie lebt davon. Ausgerechnet unter jungen
Menschen ist die Wahlbeteiligung am geringsten.
Bei der Bundestagswahl 1972 gaben 91,1 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. 2013 waren es nur 71,5 Prozent. Ist unsere Demokratie seit den 1970er Jahren so viel schlechter geworden, dass immer weniger Menschen sie mit ihrer Stimmabgabe unterstützen wollen? Oder sind die Menschen einfach nur unpolitischer und gleichgültiger geworden? – Es gibt reichlich wissenschaftliche Ursachenforschung, aber nur wenig klare Antworten. Wie wertvoll die freie, geheime, gleiche und allgemeine Wahl ist, sollte einem bewusst werden, wenn man in Länder blickt, in denen es solch ein Wahlrecht nur eingeschränkt gibt: in der Türkei zum Beispiel, in Russland oder in Syrien ... Noch ein anderer Befund fällt auf: Die Wahlbeteiligung junger Menschen sinkt proportional stärker als die älterer Menschen: Bei der Bundestagswahl 1983 lag die Beteiligung der jüngsten und der ältesten Wählergruppe mit 83 und 84 Prozent nahezu gleich auf. 2013 war dieses Verhältnis aber bei 64 zu 75 Prozent. Noch spezifischer betrachtet, war 2013 die Wahlbeteiligung in der Altersklasse der 60- bis 70-Jährigen mit 80 Prozent am höchsten, die der 21- bis 25-Jährigen mit 60 Prozent am niedrigsten. Wen wundert es da, dass die Parteien insgesamt eher die älteren Wahlberechtigten im Blick haben als die jüngeren? Dass Wähler im Sinne ihrer eigenen Interessen abstimmen, ist legitim. Es gibt aber gerade unter den älteren Menschen auch viele, die sich bei ihrer Stimmabgabe Gedanken darüber machen, was denn wohl für ihre Kinder und ihre Enkel die beste Wahl wäre. Trotzdem können sich junge Menschen nicht einfach darauf verlassen, dass andere Generationen auch ihre Interessen vertreten. Sie müssen schon selbst mitmachen, ihren politischen Willen artikulieren. Und sie werden dann, allen Zweifeln zum Trotz, die Erfahrung machen, dass sie gehört und ernst genommen werden. Die RHEINPFALZ bemüht sich sehr, in der Zeitung und in ihrem digitalen Angebot, die Parteien, Programme und Kandidaten, die zur Wahl stehen, vorzustellen und den Wahlvorgang verständlich zu erklären. Diesmal sprechen wir dabei insbesondere junge Menschen an. Zum Beispiel haben wir in Schulklassen der Oberstufe sogenannte „Speed-Datings“ mit den Wahlkreiskandidaten organisiert. Nach unserer Beobachtung ist das gut angekommen – bei den Jugendlichen und bei den Politikern. Unsere jüngsten Redaktionsmitglieder haben zur Bundestagswahl die Sonderbelage „#ichgehwählen“ konzipiert. Sie wurde in Schulen kostenlos verteilt und ist heute Bestandteil dieser Zeitung. Wir wünschen uns, dass sie zum Wählen anregt, nicht nur die Jungen, sondern alle Wahlberechtigten, die sie lesen. Im Wahlkampf 2017 kommt wieder eine schon zur Gewohnheit gewordene Haltung vieler Bürger und auch vieler Journalisten zum Ausdruck: Die Parteien und Kandidaten mögen sich doch mal kräftig ins Zeug legen, damit man weiß, was sie wollen. Sie mögen kontrovers sein, sich streiten, damit es nicht langweilig wird. Sie sollen sich anstrengen, damit wir Wähler uns ohne großen Aufwand entscheiden können und gleichzeitig noch gut unterhalten werden. Die Demokratie bedarf aber nicht nur der Anstrengung ihrer gewählten politischen Repräsentanten. Sie bedarf zudem der Anstrengung ihrer Bürger, sich selbst zu informieren, den Meinungsaustausch zu suchen und dann auch zur Wahl zu gehen. Je mehr gut informierte Wähler es gibt, umso besser werden auf Dauer die gewählten Politiker sein.