Politik Leitartikel: Gegen die Verzagtheit

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Die Teilnehmer des Evangelischen Kirchentages haben in diesen unruhigen

Zeiten ein Zeichen gegen die Verunsicherung gesetzt. Gestört hat,

dass das Christentreffen als Werbeforum der Politik missbraucht wurde. Ministerin Schwesig brachte in

der Bibelarbeit ihr Projekt „Gleicher Lohn für Männer und Frauen“ unter.

500 Jahre Reformation – da lassen sich auch Prominente gern zu einem Evangelischen Kirchentag in Berlin bitten. Allen voran der ehemalige US-Präsident Barack Obama, Großimam Ahmad Al-Tayyeb, Schriftsteller, hohe Kirchenvertreter und die deutsche Spitzenpolitik. Aber haben die großen Namen dem Christentreffen im Jubiläumsjahr zu der Strahlkraft verholfen, die man sich davon wohl erhofft hat? Kirchentage waren und sind politisch. Schon allein deshalb, weil sie sich mit Themen auseinandersetzen, die nicht nur den inneren Zirkel betreffen, sondern die Gesellschaft allgemein: Gerechtigkeit, Umwelt, sozialer und weltweiter Frieden, Flucht und ihre Ursachen oder Integration. In Berlin jedoch war auffällig, wie Politiker vier Monate vor der Bundestagswahl den Kirchentag nutzten, um vor viel Publikum Wahlkampf-Statements abzugeben. So schaffte es Familienministerin Manuela Schwesig , in einer Bibelarbeit zur Begegnung Marias mit Elisabeth ihr Lieblingsprojekt – „Gleicher Lohn für Männer und Frauen“ – unterzubringen: „Wenn ich mich dafür einsetze, hoffe ich, dass ich das Land damit etwas gerechter mache.“ SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz erkennt in der biblischen Geschichte von Zachäus, dem Zöllner, einen „sozialdemokratischen Text“. Außenminister Sigmar Gabriel zeigte sich verärgert über den Auftritt von Angela Merkel mit Obama. Die Kanzlerin brauchte keine CDU-Wahlslogans, sie setzte auf schöne Bilder vor dem Brandenburger Tor. Der Kirchentag als Werbeforum der Politik – nicht gerade inspirierend. Und da es keine Ausgrenzung auf dem Kirchentag geben sollte, wurde einer bis dahin eher unbekannten AfD-Politikerin, die sich zum Christentum bekennt, ebenfalls ein Forum geboten. So konnte Anette Schultner davon reden, dass bis zu 20.000 Terroristen mit den Flüchtlingen nach Deutschland gekommen seien. Das Bundeskriminalamt ging im Mai von 657 islamistischen Gefährdern aus. Der Berliner Bischof Markus Dröge versuchte, die Unwahrheit der teils kruden Thesen aufzudecken. Die Strategie, ins Gespräch zu kommen, ging nicht auf. Das Christentreffen gerade in einer Stadt wie Berlin, wo Kirche nur eine Stimme unter vielen ist, sollte auch Begegnung mit der Welt sein und alle einladen, „sich auf Gott und den Glauben einzulassen“. Doch dieser Anspruch muss in einer Großstadt scheitern. Abgesehen von eher einzelnen Begegnungen, wie auf der Kirchenmeile am Eröffnungsabend oder bei Konzerten, blieben die Christen weitgehend unter sich. Aber die etwas mehr als 100.000 Dauerteilnehmer mit ihren orangefarbenen Schals, darunter fast die Hälfte junge Leute, verbreiteten eine friedliche und fröhliche Stimmung. Sie ließen sich – trotz des Terroranschlags in Manchester und der immer noch brennenden Kerzen für die Opfer der Terrorattacke am Berliner Breitscheidplatz – nicht verunsichern. Das war stark. Das Christentum als prägende Kraft ist in Deutschland auf dem Rückzug. Auch wenn viel über eine angebliche christliche Leitkultur geredet wird. Aber die mehr als 150.000 Christen in Berlin und auf den regionalen Kirchentagen, die sich zuhause zunehmend als Minderheit sehen, haben in der Gemeinschaft erfahren, dass der christliche Glaube trägt. Sie haben Kraft getankt. Mut machte ihnen Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au. Beim Abschlussgottesdienst gab sie in Anspielung auf den Martin Luther zugeschriebenen Ausspruch „Hier stehe ich und kann nicht anders“, allen mit auf den Weg: „Hier stehen wir – und wollen anders. Jetzt gehen wir – und können anders.“

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