Politik Leitartikel: Frust auf dem Laufsteg

Mit der Weltmeisterschaft wollten die fußballverliebten Brasilianer ihren wirtschaftlichen Aufschwung feiern. Doch die Rechnung scheint vielen im Alltag von Problemen geplagten Bürgern zu hoch zu sein.
Von Udo Schöpfer Die Idee war – genauso wie im Fall von Russland und Sotschi, dem Austragungsort der Olympischen Winterspiele – ziemlich leicht zu durchschauen. Brasilien, wie Russland ein emporstrebendes Schwellenland, will mit der Fußball-Weltmeisterschaft und in zwei Jahren mit den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro seine Leistungsfähigkeit demonstrieren. Schaut her, da sind wir! Wir gehören in den Klub der Besten! Im Jahr 2007, bei der Vergabe des WM-Großprojektes , stand Brasilien glänzend da. Auch die internationale Finanzkrise seit 2008 steckte das Land spielend weg und 2011 verdrängte der Gigant aus Südamerika Großbritannien vom Platz der sechstgrößten Wirtschaftsmacht der Welt. Brasilien schien auf der Überholspur zu sein und durch nichts zu stoppen. Doch längst hat sich das Blatt gewendet. Die Binnennachfrage lässt zu wünschen übrig, die Preise steigen, die Wirtschaftsleistung sinkt, die Immobilien in den großen Städten werden unbezahlbar. Auf dem Laufsteg macht sich Frust breit. Parallel zur der mitunter chaotisch verlaufenden Vorbereitung der Weltmeisterschaft begehrt das Volk auf. Hier brachte eine Maßnahme das Fass zum Überlaufen: die Erhöhung der Buspreise im öffentlichen Nahverkehr. Seitdem gibt es immer wieder Proteste – aus den unterschiedlichsten Gründen. Der Protest zieht sich quer durch die Gesellschaft. Die Brasilianer sehen auf der einen Seite die horrend hohen Ausgaben für die WM (insbesondere für den Ausbau der Stadien) – auf der anderen Seite leiden sie unter einem unterentwickelten Gemeinwesen. Vor allem im Gesundheitsbereich hapert es. Die neue, gut ausgebildete Mittelschicht, die beobachtet, wie es auch in anderen Ländern zum Widerstand gegen unhaltbare Zustände kommt, will sich Misswirtschaft, Korruption und Stillstand in Brasilien nicht mehr bieten lassen. Diese Menschen sehnen sich nach einer besseren Zukunft. Sie sind müde von Versprechen und Vertröstungen – was nachvollziehbar ist. Das alles hat dazu geführt, dass die Stimmung im Land mit Blick auf das Fußball-Turnier sehr verhalten ist. Euphorie sucht man vergebens zwischen Manaus und Porto Alegre. Dabei sollte die WM im Land des fünfmaligen Weltmeisters, im Land der Ballzauberer, theoretisch ein einziges großes Fest sein, wenn heute um 17 Uhr Ortszeit das Spiel Brasilien gegen Kroatien angepfiffen wird und die Weltmeisterschaft beginnt. In der Realität sieht das aber leider völlig anders aus. Brasilien hat einsehen müssen, dass das Land noch nicht so weit ist wie viele glaubten oder wie es offiziell versprochen worden ist. Es hat sich übernommen. Viele Projekte werden erst in einigen Jahren fertig sein, einiges wurde erst gar nicht angegangen. „Es gibt nichts, wofür wir uns schämen müssten“, meinte kürzlich Staatschefin Dilma Rousseff, die die Arbeit des allseits beliebten Präsidenten Lula zunächst erfolgreich fortsetzte. Wenn sich Frau Rousseff da mal nicht irrt. Die brasilianischen Fußball-Asse werden bestimmt eine sehr gute Weltmeisterschaft spielen, sie haben die Möglichkeit, den Heimvorteil zu nutzen. Die Sorgen und die Bedenken der Bürger wird das nicht entkräften. Denn die Fußball-WM stellt ein heikles Vermächtnis dar. Die Folgekosten für das Stelldichein der besten Fußballer aus aller Welt werden auf den Tisch kommen. Erst dann wird klar werden, was der Spaß wirklich gekostet hat. Vieles spricht daher dafür, dass das Sportereignis auch bei der Wahl eines neuen Präsidenten im Oktober noch ein Thema sein wird.