Politik Leitartikel: Der Blick zurück

Längst vergessen und vorbei? Im Gegenteil. Das Wissen um die Geschichte
ist der Schlüssel, um viele aktuelle politische Entwicklungen zu verstehen.
Nur wer dies beherzigt, hat die Chance, Fehler nicht zu wiederholen. In Russland verhindern Mythen und Propaganda einen unverstellten Blick auf die Oktoberrevolution.
Russische Politiker und Historiker machen seit Monaten unglaubliche verbale Verrenkungen. Es ist ja auch nicht einfach, eine Revolution zu feiern, die jegliche Freiheit und Demokratie im Keim erstickte und in deren Folge Millionen Menschen ihr Leben ließen. Eine Revolution, die auf der anderen Seite der Gründungsmythos des heutigen Russlands ist. Nun rächt sich, dass die Oktoberrevolution samt Bürgerkrieg und Stalinzeit in Russland nie kritisch aufgearbeitet wurde, auch nicht nach dem Ende der Sowjetunion. Mythen, Halbwahrheiten und Propaganda verhindern einen unvoreingenommenen Blick auf das, was vor 100 Jahren geschehen ist. Sich auch den unangenehmen Seiten der eigenen Geschichte zu stellen, das haben nur wenige Völker geschafft. Die Aufarbeitung der Nazizeit in Deutschland gilt im Ausland inzwischen als vorbildlich. Die engagierte, zeitweise sehr emotional geführte Historikerdebatte und die Einrichtung der Zentralstelle für die Aufarbeitung nationalsozialistischen Unrechts in Ludwigsburg waren die Voraussetzungen. Wissenschaftliche Forschung und konsequente strafrechtliche Verfolgung ergänzten sich gegenseitig. Ein breiter öffentlicher Diskurs und die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich im Schulunterricht sorgten schließlich dafür, dass die Erkenntnisse auch bei vielen Menschen ankamen. Offenheit im Umgang mit der Geschichte, gerade in Bezug auf Schuld und begangenes Unrecht, ist schmerzhaft. Aber sie macht den Weg frei für einen Neuanfang. Paradebeispiel ist die Auseinandersetzung um die Vertreibung der Deutschen aus Südost- und Osteuropa. Nach der deutschen Aufarbeitung haben beispielsweise auch Rumänen und Tschechen – wiewohl mit einiger Verspätung – das von ihnen begangene Unrecht inzwischen ebenfalls anerkannt und bedauert. Die Beziehungen zwischen diesen Staaten und den Vertriebenen entspannten sich daraufhin merklich. Wie bedeutsam Geschichte für die Gestaltung der Gegenwart ist, wussten Diktatoren und Demagogen immer schon. „Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft“ schreibt George Orwell in seinem berühmten Roman „1984“. Fast 70 Jahre nach dessen Erscheinen ist diese Erkenntnis aktueller denn je. Nicht nur in Russland, auch in Ungarn, Polen, der Türkei oder in Südkorea versuchen Regierungen, die Geschichte in ihrem Sinne darzustellen und somit die aktuelle Politik zu beeinflussen. Einstige Großreiche werden als Vorbilder für die Gegenwart herangezogen, historische Bedrohungen für aktuelle Konflikte instrumentalisiert. Dabei könnte ein unverstellter Blick zurück mitunter helfen, Fehlentwicklungen zu vermeiden. So hätten die Briten mit einer kurzen Rückschau in ihre nicht immer ruhmreiche koloniale Vergangenheit ganz schnell erkennen können, warum so viele Migranten im Königreich leben und dass die Brexit-Agitatoren mit gezinkten Karten spielen, wenn sie dies der EU anlasten. So könnten die Amerikaner einsehen, dass ihr Recht auf Waffenbesitz in der Gründerzeit der USA in den Weiten des „Wilden“ Westens vielleicht noch angebracht war, heutzutage aber völlig überflüssig ist und nur riesige Probleme bereitet. Erst eingebettet in die Geschichte ist die Gegenwart zu verstehen. Deshalb sind Forderungen, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, dumm und gefährlich. Nur die Kenntnis der Geschichte und die kritische Auseinandersetzung mit ihr können verhindern, dass ähnliche Fehler immer wieder gemacht werden.