Israel
Land impft Menschen über 60 zum dritten Mal
„Setz die Maske auf! Wie oft soll ich das noch sagen, Corona ist zurück!“ Die ältere Frau in der Tel Aviver Buslinie stöhnt laut auf und blickt vorwurfsvoll auf die gleichgültigen Gesichter der Fahrgäste. Draußen herrscht glühende Hitze, in Innenräumen arbeiten die Klimaanlagen auf Hochtouren. Menschen drängen sich eng aneinander, viele haben die Maske unter die Nase oder das Kinn gezogen. Überall im Land werden in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Ämtern und in Einkaufszentren heftige Konflikte zum Thema Maskenpflicht ausgetragen, die vor einigen Wochen zumindest auf dem Papier wieder eingeführt wurde. In den vergangenen anderthalb Jahren wurde hier die Kunst perfektioniert, strenge Maßnahmen zu treffen, an die sich nur Wenige halten.
Experten empfehlen Auffrischung
Derweil hat Israel Anfang der Woche als erstes Land damit begonnen, Menschen ab 60 Jahren mit einer dritten Impfdosis gegen das Coronavirus zu impfen. Dies gilt für diejenigen, die vor mindestens fünf Monaten ihre zweite Dosis erhalten haben. Obwohl die US-Arzneimittelbehörde FDA laut „New York Times“ erst im September grünes Licht für diesen Schritt geben will und sowohl Risiken als auch die Effizienz noch nicht genügend erforscht sind, hat ein israelisches Expertenteam die Auffrischungsimpfung mit dem Biontech-Pfizer-Präparat empfohlen. Die Kampagne in Israel hat rasant begonnen: rund 155.000 Israelis haben ihre Drittimpfung erhalten, von insgesamt 1,2 Millionen Impfberechtigten haben 200.000 in den kommenden Tagen einen Termin.
Am Montag wurden fast 4000 Neuinfektionen vermerkt, die Anzahl der ernsthaft Erkrankten verdoppelte sich innerhalb einer Woche auf 221. Das Gesundheitsministerium berichtet, rund die Hälfte aller Neuerkrankungen seien Geimpfte, 40 Prozent der Schwererkrankten hätten aber keine Impfung. Laut Sharon Alroy-Preis, Direktorin des öffentlichen Gesundheitswesens in Israel, weisen Studien auf einen schwindenden Impfeffekt bei allen Altersgruppen hin, was Auffrischimpfungen nötig mache.
58 Prozent der Israelis vollständig geimpft
Beinahe 58 Prozent der 9,3 Millionen Israelis sind vollständig geimpft. Lange Zeit galt das Land als Impfweltmeister und brüstete sich mit dem Sieg gegen das Virus. Zum Vergleich: In Deutschland sind mittlerweile auch 53 Prozent der Bevölkerung komplett geimpft. Laut einer kürzlich veröffentlichten akademischen Studie glaubt knapp ein Fünftel der israelischen Bevölkerung, Corona sei eine Verschwörung der Pharmaindustrie, ein weiteres Fünftel hält das Virus für einen Komplott der Regierung.
Gegner behaupten, statt auf eine Drittimpfung mit ungewissen Konsequenzen zu hoffen, wäre es sinnvoller, sich auf die über eine Million Menschen zu konzentrieren, die eine Erstimpfung verweigern. Dies könnte aber schwierig werden. „Die Delta-Mutation bestätigt mich um so mehr darin, nicht auf die Effizienz der Impfung zu vertrauen. Wenn ich krank werden sollte, wird mich mein Immunsystem schützen und nicht die Impfung“, sagt der 34-jährige Eldar Nir. Auch die meisten in seinem sozialen Umfeld seien ungeimpft. Seinem Vater würde er die Drittimpfung aber empfehlen.
Deutschland will ab September nachziehen
Im Dezember letzten Jahres, als Israel begann, seine Bevölkerung zu impfen, unterstützten eine Reihe von Studien sowie Zulassungen von FDA und EU den Impfehrgeiz. Heute, während große Teile der Weltbevölkerung noch auf ihre Erstimpfung warten, handelt das kleine Land vorerst im Alleingang: Dazu gehört auch die Entscheidung, gefährdete Kinder ab fünf Jahren erstmals zu impfen. Ab September wollen Großbritannien und Deutschland aber nachziehen und Risikogruppen zum dritten Mal impfen.