Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Lage in der Ostukraine: Leben in permanenter Angst

Anlaufstelle für Hilfesuchende: Eine Familienberatung in de Ostukraine.
Anlaufstelle für Hilfesuchende: Eine Familienberatung in de Ostukraine. Foto: SOS-Kinderdorf Ukraine

Drei Wochen vor dem Ukraine-Gipfel in Paris reist Bundesaußenminister Heiko Maas am Mittwoch nach Kiew. Derweil steht den Menschen in der Ostukraine der sechste Winter unter schwierigsten Bedingungen bevor. Vor allem die Kinder leiden.

Vor kurzem sind die ukrainischen Truppen auf der einen Seite und die von Russland unterstützten Rebellen auf der anderen mal wieder ein paar Kilometer weitergezogen. Präsident Wolodymyr Selenskij betonte in Kiew ein ums andere Mal, er werde alles tun, um für die besetzten Gebiete in der Ostukraine eine Lösung zu finden.

Den Familien entlang der Frontlinie hilft das alles wenig. Für sie naht der inzwischen sechste Winter seit Beginn des Konflikts, der sechste Winter in teilweise zerstörten Häusern und Wohnungen, häufig ohne Strom und Wasser, ohne Müllentsorgung und ohne ausreichende medizinische Versorgung. Etwa 21.000 Kinder leben in unmittelbarer Nähe der Grenze in diesem unerklärten Krieg.

Sorge um psychischen Zustand der Menschen

Serhii Lukashov ist Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine. Als im Herbst 2014 der Konflikt an der Grenze zu Russland ausbrach, musste die Hilfsorganisation ein Kinderdorf – das im ostukrainischen Luhansk – schließen. Ein Großteil der Familien sei über die Frontlinie in das von ukrainischen Regierungstruppen kontrollierte Gebiet geflüchtet, erzählt Lukashov. Drei Pflegefamilien mit insgesamt 15 Kindern lebten allerdings noch im Rebellengebiet. „Wir haben Mitarbeiter vor Ort“, erzählt der Kinderdorf-Chef. Diese würden sich, so gut es gehe, um die Familien kümmern. Aber es sei kompliziert. Nur an einem einzigen Kontrollpunkt könnten die Mitarbeiter die Frontlinie überqueren und ins ukrainisch kontrollierte Gebiet gelangen, wo sie regelmäßig Geld und Hilfsmittel wie Medikamente abholten.

Drei Jahre lang sei die Region nun von größeren Kämpfen verschont geblieben, erzählt der Ukrainer. Die Schulen, auch die im Rebellengebiet, seien wieder geöffnet, die Häuser notdürftig repariert. Doch der Winter ist in der Regel sehr kalt in der Ukraine. Wer da in schlecht oder gar nicht isolierten Räumen versucht, mit Holz zu heizen, friert ständig.

Serhii Lukashov macht sich aber nicht nur Sorgen um den körperlichen Zustand der Kinder im Osten seines Landes. Was ihn fast noch mehr beunruhigt, ist der psychische Zustand der Menschen entlang der Front. Auch wenn es derzeit keine Kämpfe gibt, die akute Lebensgefahr zurückgegangen ist, so lebten sie in permanenter Angst. Immer wieder wird geschossen, von beiden Seiten. Die im Grenzgebiet ausharrenden Menschen haben größtenteils keine Arbeit, die Familien leben weit unterhalb der Armutsgrenze. Und das geht nun schon seit Jahren so – ohne Aussicht auf irgendeine Verbesserung der Lage. Psychische Erkrankungen nähmen zu, erzählt Lukashov, bei Eltern wie Kindern. Genauso chronische Krankheiten. Die Hospitäler seien in der Regel viele Kilometer weit entfernt. Die Menschen in den meist völlig isolierten Dörfern hätten keine Möglichkeit, dort hinzukommen.

Zeigen, dass ein besseres Leben möglich ist

Das SOS-Kinderdorf und andere Hilfsorganisationen wie Unicef und Caritas täten ihr Möglichstes, um den Kindern und ihren Familien zu helfen. „Aber wir sind längst am Ende unserer Möglichkeiten“, sagt Lukashov. „Wir können nicht all das auffangen, was der Staat versäumt.“ Auch im ukrainisch kontrollierten Gebiet kümmere sich die Regierung recht wenig um die entwurzelten Menschen. Viele Binnenflüchtlinge lebten schon seit Jahren in Provisorien. „Die Menschen sind mental erschöpft“, sagt er. „Sie haben kein Vertrauen und keine Hoffnung mehr.“

Mit ihrem verbliebenen mobilen Team, das den Kindern etwas Ablenkung zu bieten versucht, mit ihnen spielt und Sport treibt, erreichen die Mitarbeiter des SOS-Kinderdorfs nur einen verschwindend geringen Anteil der Hilfsbedürftigen. „Das ist eigentlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Lukashov. Er sieht aber trotz all der Not und der Widrigkeiten auch positive Effekte: „Denn wir zeigen den Menschen, dass ein besseres Leben möglich ist, dass es keine Utopie bleiben muss.“

Serhii Lukashov
Serhii Lukashov Foto: SOS-Kinderdorf Ukraine
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