Politik Kommentar: Stunde der Wahrheit

Die Offensive auf die letzte syrische Rebellenhochburg ist angelaufen.
Die EU muss entscheiden, wie sie es künftig mit Präsident Assad hält.
Der Krieg in Syrien nähert sich nach mehr als sieben Jahren des Tötens, der Zerstörung und der Vertreibung seinem blutigen Schlussakt. Für Europa rückt die Stunde der Wahrheit näher. Auch in Idlib, der letzten größeren Rebellen-Hochburg, wird über kurz oder lang das Regime von Präsident Assad wieder die Kontrolle übernehmen. Die EU hat sich aus dem Krieg militärisch weitgehend herausgehalten. Aber in anderer Hinsicht ist Europa längst Teil der Syrienkrise: Vor allem die Fluchtwelle 2015 hat den Aufschwung von Rechtspopulisten befördert. Niemand hat ein größeres Interesse daran, dass es keine neuen Flüchtlingsströme gibt, als die aktuellen Regierungen in Berlin oder Stockholm. Bittere Pillen sind zu schlucken. Erstens dürften die Europäer gar nicht anders können, als sich mit Assad zu arrangieren, auch wenn der syrische Diktator nach der Offensive in Idlib noch mehr Blut an den Händen haben wird. Zweitens wird Europa vor der Wahl stehen, das zerstörte Syrien mit viel Geld zu unterstützen – oder zu riskieren, dass noch mehr Menschen aus dem Land fliehen. Drittens muss Europa realisieren, dass Russland nicht nur in der Ukraine nach Einfluss strebt, sondern auch im Nahen Osten dauerhaft eine stärkere Rolle spielen wird. Auch Irans Einfluss in Syrien ist eine Variable künftiger Machtarithmetik. Der Gipfel von Teheran und die Ereignisse in Idlib sollten daher als Weckruf begriffen werden. Zumal die USA als Führungsmacht weitgehend ausfallen.