Politik Kommentar: Nach dem Kalifat

Der „Islamische Staat“ steht vor dem Aus als geografisches Gebilde. Aber
seine Kämpfer werden weiter morden. Al Qaida bietet eine neue Heimat.
Die Sprengung der Al-Nuri-Moschee zu Mossul ist ein Fanal. Jenen Ort in Schutt zu legen, wo IS-Anführer Al-Baghdadi im Juli 2014 sein Kalifat ausgerufen hat, markiert das Ende der grausamen IS-Herrschaft, auch wenn Tausende seiner Mannen noch in der Mossuler Altstadt ausharren und einen „Endkampf“ führen, der noch viele Zivilistenleben kosten dürfte. Al-Baghdadi ist sowieso möglicherweise längst tot. Seine Botschaften aber, auch die vom IS verbreitete Lüge, die USA hätten die Al-Nuri-Moschee bombardiert, leben im Internet weiter. Der IS kann zwar weder seine nordirakische Metropole noch die ostsyrische Schwesterstadt Al-Raqqa halten. Aber nach der Befreiung wird kein Frieden sein. Die Errichtung eines „islamischen Gottesstaats“ bleibt das Ziel zigtausender Dschihadisten weltweit. Racheakte gegen westliche „Kreuzzügler“ und schiitische „Ketzer“, die ihre Niederlage mit herbeigeführt haben, werden folgen. Al Qaida, das Terrornetzwerk welches zuletzt so klar im Schatten des IS stand, steht bereit, IS-Dschihadisten anzuheuern. Osama Bin Ladens Sohn Hamza wird als neuer „Emir“ aufgebaut. Er soll das Charisma seines Vaters besitzen. So wie in Afghanistan die Taliban nach 2001 weiter gekämpft haben, wird das Blutvergießen in Irak und Syrien andauern. Mitschuldig daran sind die USA, aber auch Russland, Iran, die Türkei und Saudi-Arabien, die an Euphrat und Tigris ihren Machtpoker fortsetzen und dem Dschihad weiter neue Rekruten bescheren.