Politik Kommentar: Hallo, Basis!

Prominente, Außenseiter und Nobodys: Die Schar der Anwärter auf den SPD-Vorsitz ist bunt. Mit großem Aufwand zelebriert die Partei Offenheit und Transparenz. Dafür hat sie Respekt verdient.
Es wird noch eine Weile dauern, bis die SPD eine neue Führungsspitze hat. Die Partei hat sich für ein Auswahlverfahren entschieden, das mit viel Aufwand und Kosten verbunden ist. Es ist die Antwort auf den ewigen Vorwurf der Basis, dass an entscheidender Stelle stets gemauschelt werde. In der Tat: Den einstmals gefeierten Shootingstar Martin Schulz hatte einzig und allein der damalige Parteichef Sigmar Gabriel ausgewählt und präsentiert. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.
Opposition kann nicht das Ziel der SPD sein
Nun also hat die Basis das Wort. Das Bewerberfeld ist bunt, doch die Bewerbungen an sich sind es nicht. Oft verengt sich die Antwort auf die Frage nach der Zukunft der SPD auf ein Ja oder Nein zur großen Koalition. Das aber ist viel zu kurz gedacht. Wer künftig die SPD führt, muss auch eine Idee davon haben, für wen die Sozialdemokratie Politik machen will und wie sie trotz Verlusten bei Landtagswahlen regierungsfähig bleiben kann. Denn Opposition kann nicht das Ziel einer demokratischen Partei sein, Opposition ist im Übrigen auch „Mist“, wie der zweifache SPD-Chef Franz Müntefering zu sagen pflegte. Wenn es also nicht allein um das Wohl und Wehe der große Koalition geht in diesem Wettstreit, um was geht es dann? Das werden die 17 Frauen und Männer, die die älteste Partei Deutschlands führen wollen, bei ihren Regionalkonferenzen erfahren. Die Reihe der 23 Veranstaltungen beginnt heute in Saarbrücken. Die SPD hat für diesen Aufwand Respekt verdient.
Bewerber in der Provinz
Es ist eine Tour in die Provinz, sie führt die Bewerber nach Bernburg an der Saale, ins hessische Friedberg, nach Filderstadt auf der Schwäbischen Alb oder nach Troisdorf im Siegerland, um nur vier Stationen zu nennen. Es sind Orte, an denen einige der Bewerber sicher noch nie waren. Und das macht den Reiz dieser Kandidaten-Kür aus. Auch wenn einige von ihnen sich nicht unbedingt dauerhaft in der Berliner Blase aufhalten, so werden sie doch mehr von den Sorgen und Nöten der Bürger erfahren als in so manchen Gremiensitzungen im Willy-Brandt-Haus. Reizvoll ist die Vorstellung, dass beispielsweise einige SPD-Mitglieder aus Ludwigshafen auf der einzigen Regionalkonferenz in Rheinland-Pfalz am 10. September in Nieder-Olm die Kandidatin Gesine Schwan fragen, wie sie als mögliche SPD-Spitzenfrau gedenke, an der Lösung der Hochstraßen-Problematik mitzuwirken. Oder dass einige Bürger aus den Westpfalz-Dörfern entlang der Grenze zu Frankreich Finanzminister Olaf Scholz fragen, wie er als SPD-Chef für mehr Internetempfang in ihren Ortschaften sorgen würde. Vielleicht gibt es ja auch einige Pfälzer Dieselauto-Besitzer, die von Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping wissen wollen, wie der Wertverlust ihrer Fahrzeuge aufzuhalten ist.
Vor allem werden Alltagssorgen zur Sprache kommen
Mit anderen Worten: Die acht Zweier-Teams und der Einzelbewerber werden hören, welche Probleme die Menschen bewegen. Es mögen dabei auch zentrale Zukunftsfragen wie etwa nach dem Klimaschutz aufgeworfen werden, vor allem aber werden Alltagssorgen zur Sprache kommen: fehlende Pflegekräfte, mangelnde Einkaufsmöglichkeiten auf dem Land, fehlende Verbindungen im Nahverkehr oder Dauerbaustellen auf den Straßen. Natürlich sollen sich die Bewerber auch in der Frage der großen Koalition positionieren dürfen. Doch so zugespitzt diese Debatte auch sein mag, sie ist nicht der alleinige Gradmesser für die Eignung einer Person oder eines Duos, eine Partei mit 430.000 Mitgliedern zu führen. Aber das entscheiden diese ganz allein.