Meinung
Kim Jong Un droht und protzt
Keine donnernde Parade wie üblich, nicht einmal ein knalliges Feuerwerk oder wenigstens ein Massenauflauf des begeisterten Volkes. So unspektakulär der 8. Parteitag Nordkoreas nach einer Woche zum Ende kam, gab der Kongress dennoch einen tiefen Einblick in die Abgründe eines gescheiterten Regimes. Die Ansprache von Partei- und Staatschef Kim Jong Un, der sich zum Abschluss des Parteitages mit dem Titel Generalsekretär schmücken darf, dauerte ganze neun Stunden, verteilt auf zwei Tage.
Was der Machthaber in Pjöngjang seinen Genossen zu sagen hatte, klang eher nicht so neu und auch wenig überzeugend. Im Grunde war es nicht viel mehr als eine überdehnte Kampfansage an die Vereinigten Staaten, nur dass dieses Mal der designierte Präsident Joe Biden die Zielscheibe abgab und nicht wie bisher Donald Trump. Zusammengefasst läuft die Ansprache auf einen wesentlichen Punkt hinaus: Ausbau des Atomprogrammes, um die USA als „größten Feind“ zu besiegen.
Fast total isoliertes Reich
Kim sprach großmäulig, obwohl sein weltweit fast total isoliertes Reich wirtschaftlich am Boden liegt und militärisch außer ein paar Nukleartests und Raketenabschüssen ins Japanische Meer bisher nicht viel aufzubieten hat. Beobachter der politischen Szene in Pjöngjang sind sich einig: Wenn Kim derart auf die Pauke haut, steht es um die Lage im Land wohl ausgesprochen schlecht. Seinem hungernden und frierenden Volk will und muss er vermutlich einfach suggerieren, dass Nordkorea über eine internationale Schlagkraft verfügt, die auch eine Weltmacht aus den Angeln heben könnte.
Ernst zu nehmender ist die Passage in der Mammutansprache des Führers, wonach seine außenpolitische Linie unabhängig davon sei, wer in Washington regiere. Das richtet sich direkt an den neuen US-Präsidenten Joe Biden und ist wohl als Nordkoreas Gruß zu dessen Vereidigung am 20. Januar gedacht. Kim Jong Un will vor dem Amtswechsel im Weißen Haus die Hoffnung dämpfen, er werde die Chance des amerikanischen Neubeginns für deutlich positive Impulse in den festgefahrenen Verhandlungen über sein Atomprogramm nutzen.
Fünfjahresplan gescheitert
Wie er sein vermeintlich gigantisches Aufrüstungsprogramm angesichts der desolaten Wirtschaftslage finanzieren will, ließ Kim Jong Un erst einmal offen. Der Machthaber kündigte lediglich einen neuen Fünfjahresentwicklungsplan an, dessen Kern die „Selbstständigkeit und ökonomische Unabhängigkeit“ sein werde. Hatte doch der Führer in seiner Eröffnung des Parteitags eingestehen müssen, dass der bisherige Fünfjahresplan in „beinahe allen Punkten“ gescheitert ist.
Auf seinen letzten Verbündeten in der Welt, Peking, kann Pjöngjang kaum noch zählen. Bereits im Frühjahr war – auch durch Corona bedingt – der legale Handel zwischen Nordkorea und China um 90 Prozent eingebrochen. Auf das gesamte erste Halbjahr 2020 berechnet, sank dieser nach Schätzungen des südkoreanischen Wiedervereinigungsministeriums um zwei Drittel im Vergleich zum Vorjahr.
Damit verschlechterte sich die ohnehin schon katastrophale Versorgungslage in dem international abgeschotteten und von globalen Sanktionen arg gebeutelten Land weiter dramatisch. Im Juli und August verwüsteten zudem sintflutartige Regenfälle und Taifune die Ernte und zerstörten ungezählte Häuser. Schon vor der Pandemie waren rund elf Millionen Nordkoreaner unterernährt. Diktator Kim Jong Un hat inzwischen die Hoffnung auf bessere Lebensumstände bereits gedämpft und von seinen Landsleuten verlangt, man müsse „den Gürtel enger schnallen“.