Politik
Kardinal Sodano: Der Strippenzieher im Vatikan
Papst Franziskus hat den Rücktritt von Kardinal Angelo Sodano als Dekan des Kardinalskollegiums angenommen. Jahrelang gehörte der 92-jährige Sodano zu denen, die Missbrauch in der katholischen Kirche vertuschten.
Der Auftritt war skandalös. Er fand statt im April 2010, als die katholische Kirche in Deutschland heftigst von der ersten großen Missbrauchs-Welle erschüttert wurde, als Irland in den Enthüllungen schier unterging und erste Bistümer in den USA schon gezwungen waren, Millionen von Dollar an die Opfer von Klerikern zu zahlen. Die Medien der Welt warfen auch dem Vatikan, dem damaligen Papst Benedikt XVI., Vertuschung vor.
Da stand Angelo Sodano auf. Es war am Beginn der im Fernsehen weltweit übertragenen Ostermesse auf dem Petersplatz, und Sodano war ranghöchster aller Kardinäle. Im Bruch mit sämtlichen liturgischen Abläufen richtete er eine Solidaritätsadresse an Benedikt XVI., diesen „süßen Christus auf Erden“. Neben allen Kardinälen, versicherte Sodano, stehe auch das ganze Volk Gottes an der Seite des Papstes, und lasse sich „nicht beeindrucken vom Geschwätz des Augenblicks“.
Mit Sodanos Abschied endet eine Ära
Jetzt, neuneinhalb Jahre nach solcher Verniedlichung klerikalen Missbrauchs und im Alter von 92 Jahren, ist Angelo Sodano von seinem Amt als Dekan des Kardinalskollegiums zurückgetreten. Papst Franziskus hat das am Samstag bei seiner Weihnachtsansprache an die römische Kurie verkündet – just noch in derselben Woche, in der er selbst das „Päpstliche Geheimnis“ über alle Missbrauchsfälle und –prozesse in der Kirche aufgehoben und damit die letzte Bastion vatikanischer Vertuschungspraxis eingerissen hat. Ob dieser Erlass und Sodanos Abschied nur zeitlich zufällig zusammentrafen oder ob das programmatisch so geplant war, bleibt offen. Jedenfalls endet damit eine Ära.
Denn Angelo Sodano, als Kardinalstaatssekretär (1991 bis 2006) zweiter Mann im Vatikan und Chef der Kirchenverwaltung, gehörte jahrzehntelang zu jenen Kräften in der Kurie, die Missbrauch vertuschten. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hatte das 2010, kurz nach jener Ostermesse, sogar öffentlich gesagt: Sodano habe verhindert, dass gegen den einschlägig berüchtigten, früheren Wiener Erzbischof Hans Hermann Groer ein vatikanisches Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Doch Schönborn hatte Sodanos Macht unterschätzt: Benedikt XVI. zitierte ihn nach Rom; dort musste Schönborn sich öffentlich bei Sodano entschuldigen – und Sodano, so bekräftigte Schönborn erst kürzlich, „sagte mir ins Gesicht, er glaube den Berichten nicht: ,Opfer? Das sagst Du!’ “
Amt des Kardinaldekans wird künftig zeitlich begrenzt
Dass der im Vatikan bis zuletzt als unantastbar geltende Sodano den Gründer der „Legionäre Christi“, Marcial Maciel Degollado, über Jahre gedeckt hat, gilt als gesichert. Degollado, kokainabhängig, den Zölibat predigend, hatte selbst mehrere Kinder mit mehreren Frauen und 60 Fälle von sexuellem Missbrauch, teils von Minderjährigen, auf seinem Konto. Der Mexikaner hatte aber auch immer dicke Bündel von „Spendengeld“ dabei, wenn er im Vatikan vorbeischaute, und mit seinem politisch rechtskonservativen Denken stand er Sodano sehr nahe.
Dieser war ja auch Apostolischer Nuntius in Chile gewesen (1977-88) und hatte sich dort – was er als „neutraler“ Botschafter gar nicht durfte – offen auf die Seite von Diktator Augusto Pinochet geschlagen. Ferner hatte Sodano in Chile eine Reihe von Bischöfen promoviert und Priester unterstützt, die politisch in seinem Sinne zwar „korrekt“, aber auch als Missbrauchstäter und -vertuscher aktiv waren. Hauptsache, auf die „Institution Kirche“ kam nichts.
Sodano ist im Vatikan nun auch das letzte Amt los – wobei nicht alle glauben, dass der gelernte, gewiefte Diplomat nun auch sein Lieblingshobby abgibt: das des Strippenziehers. Mit dem Aus für Sodano als Kardinaldekan gab der Papst auch bekannt, dass dieses bisher lebenslange Wahlamt künftig auf fünf Jahre begrenzt wird.