Russland Junge Russen im Kampf gegen Ölpest und Bürokratie

’Das Beseitigen des Öls ist mühsame Arbeit.
’Das Beseitigen des Öls ist mühsame Arbeit.

In Russland hat sich eine landesweite Bewegung junger und selbstbewusster Freiwilliger formiert, die den Kampf gegen die Ölpest an der Schwarzmeerküste aufgenommen hat.

Nur weil die Leute angefangen hätten, sich selbst zu organisieren, sei der Kampf gegen die Katastrophe in Gang gekommen, sagt Ira. „Man hatte den Eindruck, als wollten die Staatsorgane zuerst mal ruhig sitzen bleiben und abwarten, ob nicht alles unbemerkt vorbei geht.“ Ira, eine hochgewachsene junge Frau mit hellblauen Haaren, und drei andere Freiwillige stehen vor einer großen Leinwand im „Nur wir selbst“, einem autonomen Begegnungszentrum, das sich in einem Gewerbehinterhof im Osten Moskaus versteckt. Auf der Leinwand sieht man die Köpfe ihrer Mitstreiter, die sich online aus einem Stab der Ölbekämpfer in Blagoweschtschenskaja zugeschaltet haben, einem Badeort an der verseuchten russischen Schwarzmeerküste. Alle tragen Atemschutzmasken und Brillen, demonstrieren gleichzeitig Katastrophe und Underground. Auch die Vier in Moskau bitten, ihre Namen nicht zu veröffentlichen.

Sie sind in Bussen losgefahren, die der Moskauer Zoo oder Privatinitiativen zur Verfügung gestellt haben, mit der Bahn oder per Anhalter. Oder sie haben in sozialen Netzwerken spontan Fahrgemeinschaften gegründet. Es ist eine ganze Armee von Freiwilligen, viel mehr als die 9000 Katastrophenschützer, die der Staat nach offiziellen Angaben aufgeboten hat. Ihr größter Telegram-Kanal, 92.000 Mitglieder, benennt sich prosaisch nach der Katastrophe selbst: „Ölaustritt im Schwarzen Meer“.

Zwei Stunden für Reinigung eines Haubentauchers

Der bleibt weiter unbewältigt: Seit am 15. Dezember zwei Tanker mit insgesamt 9200 Tonnen Heizöl an Bord in der Kertscher Meerenge havarierten, sind Ölflecken nicht nur an der Nordküste der Urlaubsregion Krasnodar und an den Krimufern aufgetaucht, sondern auch vor Sotschi 300 Kilometer südlich und Odessa 480 Kilometer weiter westlich. Experten befürchten, das Öl werde auch Georgien, die Türkei, Rumänien und Bulgarien erreichen.

Einen Haubentaucher zu säubern, dauere im Durchschnitt zwei Stunden. „Der Vogel wird in einer Wanne mehrfach mit Speisestärke eingerieben, dann mit 40 Grad warmem Wasser gewaschen, so lange, bis er ganz sauber ist“, sagt Ira.

Schwindel und Brechreiz

Die Freiwilligen erzählen von neuen Techniken, um das Heizöl mit Hilfe von Lichtschutznetzen oder Drahtsieben aufzufangen, ohne dabei säckeweise Sand mit zu entsorgen. Sie erzählen von dem harmlos wirkenden Benzingestank der hochgiftigen Heizölsorte M 100, von Schwindelgefühl und Brechreiz, wenn man sich ihm ohne Atemmaske aussetzt.

Und sie reden immer wieder von Selbstorganisation, von örtlichen Taxifahrern, die Freiwillige umsonst beförderten, von Hausfrauen, die für sie kochten, von Menschenketten, die sich an den Stränden wie von selbst gebildet hätten.

Tjoma, ein Student, der einen ausgebeulten Lederhut trägt, analysiert das spontane Entscheidungssystem, das sich vor Ort entwickelt hat. „Delokratija“ nennt er es, nach dem angelsächsischen Konzept „Do-ocracy“, zu deutsch Tuokratie: „Wer etwas tut, wer eine Aufgabe auf sich nimmt, der hat auch das Recht, zu bestimmen, wie sie gelöst wird.“

Vögel dürfen nicht mehr nachts gefangen werden

Im Katastrophengebiet seien auf Erfahrung und persönliches Können gründende Hierarchien entstanden. Freiwillige, Katastrophenschutz und andere Behörden arbeiteten vor Ort durchaus zusammen, aber die Freiwilligen sagen, der Staat baue seine eigene Bürokratie auf. Vor Ort gäbe es Gummistiefel, Schutzkleider und -brillen in großen Mengen, aber an den Ausgabestellen müssten Freiwillige immer häufiger Formulare ausfüllen und Pässe vorzeigen.

Student Semjon erzählt, die verschmutzten und erschöpften Vögel kämen meist abends an Land und ließen sich am leichtesten im Dunkeln fangen. Aber nun hätten die Behörden verboten, die Vögel nachts zu fangen. Angeblich seien Freiwillige nachts beobachtet worden, als sie gefangene Tiere für private Zwecke beiseite schaffen wollten. „Völliger Quatsch, wer wildert kranke Vögel?“

Anfang Januar tauchten Mitarbeiter des Naturschutzministeriums mit einem Lkw vor einer Pflegestation auf und beschlagnahmten 160 gereinigte Vögel, um sie wieder auszusetzen. Obwohl Ornithologen für die Vögel mindestens drei Wochen Erholung fordern. Freiwillige, die dem Lkw im Auto folgten, wurden von einem Kleinbus des Ministeriums blockiert. Am nächsten Tag aber fand man an dem Strand, an dem die Tiere freigelassen worden waren, 40 tote Vögel. Man traut einander zusehends weniger.

„Die echte Zivilgesellschaft“

Russische Amtsträger schätzen Leute, die sich selbst organisieren, sowieso nicht besonders. „Vögel reinigen ist ein absolutes PR-Ereignis. Du hast zehn Vögel gesäubert, also bist du ein Held“, spottete der Duma-Abgeordnete Timofej Baschenow vor laufenden Kameras. „Aber die gesäuberten Vögel sterben hinterher genauso wie die schmutzigen.“

Allerdings hagelte es nach diesen Sprüchen auch in linientreuen Provinzmedien Proteste, später entschuldigte sich Baschenow, er sei ja selbst Freiwilliger. In Putins Russland gelten diese durchaus als vorbildlich, ob als ehrenamtliche Helfer bei Kinderfesten, Sportveranstaltungen oder Sammelaktionen für Ukraine-Krieger.

Das Exilportal novayagazeta.eu zitiert eine Freiwillige, die schwärmt, wie viele coole Leute aus ganz Russland sie hier kennengelernt habe. „Die echte Zivilgesellschaft.“ Die Zivilgesellschaft in Russland gilt eigentlich als so gut wie tot. Aber die Ölpest hat eine neue, selbstbewusste und informell vernetzte Gemeinschaft zusammengeschweißt.

x