Politik Irlands Abgründe

maryrtr.JPG
Irland ist ein erzkatholisches Land. Unser Bild zeigt eine Statue der Heiligen Jungfrau Maria in Claremorris. In ihren Händen eine Gebetskarte des aktuellen Papstes Franziskus.

Jahrzehntelang waren der irische Staat und die katholische Kirche Komplizen beim Vertuschen von Kindesmissbrauch. Der Skandal überschattet auch das „Welttreffen der Familien“, für das Papst Franziskus an diesem Wochenende die Grüne Insel besucht.

Die irische Gesellschaft war nach der US-amerikanischen und vor der deutschen die zweite, die vom Bekanntwerden großer Missbrauchsskandale erschüttert wurde. Die irischen Fälle indes entfalteten tiefere Wirkmacht als andere. Denn auf der Grünen Insel hatte – jedenfalls bis zum „schrecklichen Jahr“ 2009 – die katholische Kirche eine nahezu allmächtige und bestimmende Rolle. Sie war derart unangreifbar, dass selbst Polizeibehörden trotz vierjähriger Untersuchung und zahlreichen Verdachtsmomenten lieber die Ermittlungen im Sande verlaufen ließen als irgendwelche Bischöfe zu beschuldigen. Hinzu kam eine zweite irische Besonderheit: Der Staat war Komplize. Jahrzehntelang trieb er Kinder in die Arme eines verbrecherischen Systems. Das Schicksal tausender junger Leute wurde kollektiv totgeschwiegen. Gleich zwei Berichte von Regierungskommissionen deckten 2009 die irischen Abgründe endlich in systematischer Weise auf. Im Mai erschien der „Ryan-Bericht“. Er widmete sich der Versklavung, der Zwangsarbeit, der körperlichen und seelischen Gewalt, welcher 35.000 irische Kinder in „Besserungsanstalten“, Waisenhäusern und anderen Heimen ausgesetzt waren. Zum Inbegriff dieses „irischen Holocaust“, wie Landeszeitungen es nannten, sind die „Magdalenen-Heime“ geworden, in denen die irische Justiz sozial gefährdete und „gefallene“ Mädchen unterbrachte – oder einfach nur Kinder versteckte, die „in Schande“, also unehelich, zur Welt gekommen waren. Alle diese Heime waren staatlich, wurden aber von katholischen Ordensgemeinschaften geführt. Eine davon nannte sich „Schwestern der Barmherzigkeit“. Gerade sie zeichneten sich durch besondere Grausamkeit aus. Der Staat hatte eine Aufsichtspflicht, aber er nahm sie jahrzehntelang nicht wahr. Entschädigungen – insgesamt 60 Millionen Euro – wurden erst 2013 beschlossen. Staatliche jedenfalls; die Ordensgemeinschaften zahlten nicht, auch wenn sie sogar vom Antifolter-Komitee der Vereinten Nationen dazu aufgefordert worden waren. Die zweite Untersuchung des Jahres 2009, der „Murphy-Bericht“, erschien im November. Er widmete sich dem kirchlichen Kindesmissbrauch in der Erzdiözese Dublin und nahm nicht nur 46 pädophile Priester ins Gebet, sondern auch Bischöfe, welche diese Geistlichen einfach von Pfarrei zu Pfarrei versetzten, ihre Untaten vertuschten, nur damit der „Ruf der Institution“ makellos bleibe. In diesem Falle beteiligte sich die Kirche aktiv an den Ermittlungen. Oder besser: der Dubliner Erzbischof Diarmuid Martin tat es. Er stellte der Kommission mehr als 65.000 Akten zur Verfügung und spaltete damit das irische Episkopat zutiefst. Der Widerstand unter den anderen Bischöfen gegen eine Aufdeckung war allzu groß. Wenige Tage nach Erscheinen des „Murphy-Berichts“ reagierte auch Papst Benedikt XVI. Er zitierte sämtliche irischen Oberhirten – 26 Diözesan- und sechs Weihbischöfe – in den Vatikan, sprach von „abscheulichen Verbrechen“ und nahm wenigstens drei Bischofs-Rücktritte an. Zwei Rücktrittsangebote wies Benedikt zurück, auch wenn die betreffenden Weihbischöfe nach eigenem Geständnis die Vertuschungen geduldet hatten. Erst vor wenigen Tagen ist bekannt geworden, dass sogar die Vatikanspitze um das Jahr 2003 herum die Missbräuche verschleiern wollte. Irlands damalige Präsidentin Mary McAleese und Außenminister Dermot Ahern berichteten, Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano habe sie ersucht, staatlichen Ermittlern den Zugang zu kirchlichen Archiven zu verbieten und die Kirche von allen Geldstrafen freizustellen. Sodano, heute 90 Jahre alt, immer noch Chef des Kardinalskollegiums, hat sich 2010 als unbelehrbar gezeigt, als er Benedikt XVI. während der Ostermesse öffentlich aufforderte, sich nicht von Medienberichten über kirchlichen Kindesmissbrauch beeindrucken zu lassen. Das sei doch alles nur „Geschwätz“.

x