Corona in USA RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Wenn Trump an seine Grenzen stößt

Experten zuhören und gar ihrem Rat folgen – das mag Donald Trump gar nicht. Nun muss er es aber – täglich. Hier beim Pressebrief
Experten zuhören und gar ihrem Rat folgen – das mag Donald Trump gar nicht. Nun muss er es aber – täglich. Hier beim Pressebriefing mit Anthony Fauci, dem Direktor des Nationalen Instituts für Allergien und ansteckende Krankheiten. Rechts: Vizepräsident Mike Pence.

Anderen die Schuld geben – das ist die Lieblingswaffe des US-Präsidenten. Wirkt sie auch in der Corona-Krise, oder ist Donald Trump schlicht überfordert? USA-Experte David Sirakov von der Atlantischen Akademie in Kaiserslautern erklärt, ob er wiedergewählt wird und warum Corona die USA so hart trifft.

Herr Sirakov, warum hat Donald Trump so lange gebraucht, die Corona-Krise als das zu erkennen, was sie ist?
Das hat mit Trumps Populismus und der daraus resultierenden Vorstellung von Politik und Gesellschaft zu tun. Er glaubt und gibt vor, als einziger zu wissen, was das amerikanische Volk will und was zu tun sei.

Diese Haltung ist verbunden mit einem tiefen Misstrauen gegenüber Experten. Die sind nach Meinung des Präsidenten sogar für den Niedergang der Vereinigten Staaten verantwortlich. Diesen Experten bereits vor einer Pandemie Glauben zu schenken und ihre einschneidenden Empfehlungen umzusetzen, widerspricht eben diesem von Trump gehegten Misstrauen.

Ist es schon ausgemacht, dass ihn das die Wiederwahl kosten wird?
Ich wäre da doch vorsichtig. Es mag sein, dass das desaströse Krisenmanagement zur Entzauberung führt. Ob es aber den Wählern Trumps zur Warnung gereicht, ist angesichts aktuell recht positiver Umfragewerte noch lange nicht ausgemacht. Es ist noch ein langer Weg bis zu den Wahlen im November. Donald Trump muss sich schlussendlich auch an den Zahlen messen lassen: der Infizierten und der Toten.

Was sollten denn seine Kontrahenten Joe Biden und Bernie Sanders von der Demokraten-Partei tun? Von ihnen ist derzeit viel viel weniger zu sehen als von Trump.
Zunächst sollten die Demokraten so schnell wie möglich einen Kandidaten küren und die gesamte Partei hinter ihm vereinen. Dieses Unterfangen wird schon schwer genug. Mit Blick auf die Sars-CoV-2-Krise müssen Biden und Sanders zeigen, dass sie die besseren Präsidenten wären. Das meint natürlich: Sie müssen vermitteln, was sie anders machen würden beim Krisenmanagement. Es braucht aber auch eine die US-Gesellschaft vereinende, den Menschen Mut gebende und trotz alledem ehrliche Botschaft.

Schon vor der Ära Trump war das US-Gesundheitssystem eine riesige Baustelle. Wo liegen die Hauptknackpunkte, die Amerika nun schaden bei der Bewältigung der Corona-Krise?
Es gibt eine Reihe von Problemen im amerikanischen Gesundheitssystem. Ein Grundproblem ist sicherlich das Fehlen eines Versicherungsschutzes für eine große Anzahl an Amerikanern. Trotz der Reform durch Barack Obama 2010 sind auch heute noch etwa 28 Millionen Amerikaner und Amerikanerinnen nicht krankenversichert. Sie sind auf Gemeinschaftskliniken und Notaufnahmen angewiesen, was die Gefahr der Ansteckung weiter erhöht und lediglich eine Grundversorgung sicherstellt.

Aber auch die Versicherten haben mitunter große Probleme, die nötige Behandlung zu erhalten. Viele Leistungen sind nicht versichert oder erfordern extrem hohe Zuzahlungen. Angesichts der Möglichkeit, dass man durch COVID-19 intensiv-medizinische Behandlung benötigt, droht neben der Krankheit potenziell auch noch die Überschuldung.

Werden denn in den USA auch mehr Menschen sterben als anderswo auf der Welt?
Das kann ich nicht wirklich beurteilen. Was man allerdings sagen kann, ist, dass die amerikanischen Behörden viel zu spät begonnen haben, zu testen. Man hatte sich zu sehr darauf versteift, die Verbreitung würde auf Einreisende zurückgehen und nicht die Möglichkeit von Infektionsketten im eigenen Land in Betracht gezogen.

Der erste Fall ohne einen Reisehintergrund Ende Februar widerlegte dann diese Annahme. Die Tests begannen allerdings erst am 4. März und liefen aufgrund von Pannen bei der Produktion nur sehr schleppend an. Dadurch ist wertvolle Zeit verloren gegangen, die eine stärkere Ausbreitung hätte verhindern können.

Es ist mit dem Schlimmsten zu rechnen. Man kann nur hoffen, dass die Schätzung des Londoner Imperial College nicht zutrifft, welches von bis zu 2,2 Millionen Toten in den USA binnen weniger Monate ausgeht.

Auch in der Wirtschaft ticken die USA anders: Was sind Besonderheiten, die die Arbeitslosigkeit nun in die Höhe treiben dürften?
Es gibt nur rudimentäre bundeseinheitliche Regelungen, und die Macht von Gewerkschaften ist seit den 1980er Jahren kontinuierlich gesunken. Die Konsequenz sind Arbeitsverträge, die in der deutlich überwiegenden Anzahl ohne verbindliche Kündigungsfristen oder Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall ausgestattet sind. Bislang war diese Flexibilität des Arbeitsmarkts von Vorteil, da hierdurch eine hohe Erwerbsquote erreicht werden konnte. In der gegenwärtigen Krise hingegen führt sie zu schnellen und umfangreichen Entlassungen. Hinzu kommt, dass die meisten Amerikaner ihre Krankenversicherung über den Arbeitgeber beziehen. Werden sie entlassen, ist der Versicherungsschutz ebenfalls weg.

Ökonomen reden von Arbeitslosigkeit, die deutlich höher liegen dürfte als 2008 bei der Hypotheken- und Bankenkrise. Ist eine Wiederholung der Zustände in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren vorstellbar?
Das Arbeitsministerium in Washington hat am vergangenen Donnerstag mit 3,3 Millionen die höchste jemals gemessene Zahl an Neuanträgen auf Arbeitslosenhilfe innerhalb einer Woche gemeldet. Das stellt die Krise von 2008/09 in der Tat um das beinah Fünffache in den Schatten.

Die Frage wird sein, ob das im Kongress mit einer breiten Mehrheit von Republikanern und Demokraten verabschiedete zwei Billionen US-Dollar schwere Stimuluspaket der Wirtschaft die nötige Stütze gibt. Vergleiche mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre sind schwer zu ziehen, da noch völlig unklar ist, wie lange die Corona-Krise andauert – in den USA und weltweit.

In New York verbarrikadieren Geschäftsleute ihre Läden. Muss man denn mit Plünderungen rechnen?
Die Verunsicherung ist natürlich sehr groß, doch sehe ich bislang keine Anzeichen für den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. Die momentane Situation ist zum Beispiel nicht mit den Folgen des verheerenden Hurrikans Katrina im Jahr 2005 zu vergleichen.

Zur Person

Politikwissenschaftler David Sirakov ist seit 2015 Direktor der Atlantischen Akademie in Kaiserslautern. In seinem Blog unter www.atlantische-akademie.de analysiert er regelmäßig aktuelle Ereignisse in den USA, nicht zuletzt die Trump-Präsidentschaft. Die Akademie twittert auch selbst unter @AtlantAkademie
David Sirakov
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