USA
In der Rolle eines besseren Zeremonienmeisters: der US-Vizepräsident
Was der erste Vizepräsident der Vereinigten Staaten von seiner Aufgabe hielt, hat er mit sarkastischem Spott deutlich gemacht. „In seiner Weisheit“, sagte John Adams, „hat mein Land für mich das unbedeutendste Amt geschaffen, das sich Menschen jemals ausgedacht oder in ihrer Fantasie vorgestellt haben.“ Einer seiner Nachfolger, ein Texaner namens John Nance Garner, von 1933 bis 1941 der Stellvertreter Franklin Delano Roosevelts, formulierte es noch drastischer: Nicht mal einen Eimer warmer Pisse sei der Posten wert.
Die Nummer zwei
Tatsächlich gesteht die Verfassung dem Vizepräsidenten nur die Rolle eines besseren Zeremonienmeisters zu, nicht die eines wirklich Gestaltenden. Wobei es in der Praxis am jeweiligen Chef liegt, ob sich die Nummer zwei profilieren kann. Bill Clinton etwa übertrug Al Gore die Verantwortung für Umweltschutz und Klimapolitik. Unter George W. Bush bestimmte Dick Cheney eine Zeit lang die Agenda, zumindest die außenpolitische, als wäre er der wahre Präsident. Zudem kann der Vize im Falle eines Patts im Senat, wenn weder Demokraten noch Republikaner auf eine Mehrheit kommen, mit seiner Stimme eine Hängepartie entscheiden. Nur hat ein solches Patt absoluten Seltenheitswert.
Auch wenn Ausnahmen die Regel bestätigen, es ist schon was dran an den bitteren Worten, mit denen Adams am Ende des 18. Jahrhunderts sein Amt charakterisierte. Und dass der Bewerber für das zweithöchste Staatsamt großen Einfluss darauf hätte, wen die Amerikaner denn nun ins Oval Office delegieren, lässt sich auch nicht behaupten. Misst man es an bisherigen Erfahrungswerten, spielt die Personalie kaum eine Rolle bei der Wahl des US-Präsidenten.
Den Präsidenten nicht durch Skandal belasten
Die Nummer zwei sollte sich im Wahlkampf keine groben Schnitzer erlauben, die Nummer eins nicht durch irgendeinen Skandal oder einen Tritt ins Fettnäpfchen belasten, das ist eigentlich schon alles an Anforderungen.
Und doch: Wenn Joe Biden aller Voraussicht nach diese Woche seine Kandidatin für die Vizepräsidentschaft nominiert, gelten konventionelle Weisheiten nicht mehr. Dass es eine Frau wird, steht bereits fest. Wer aus dem Kreis der Favoritinnen den Zuschlag bekommt – die Senatorin Kamala Harris, deren Kollegin Elizabeth Warren, die Kongressabgeordnete Karen Bass, die einstige Nationale Sicherheitsberaterin Susan Rice –, darüber wird an der Gerüchtebörse gehandelt. Nicht auszuschließen, dass Biden seine Partei überrascht und mit einer Frau ins Rennen geht, der vermeintliche Insider bislang kaum Chancen einräumten. Jedenfalls geht es um viel.
Joe Biden stellt Weichen
Sollte Joe Biden das Duell gegen Donald Trump gewinnen, wäre er im Januar mit 78 Jahren der Älteste im höchsten Staatsamt, der je einen Eid leistete. Deshalb muss die Stellvertreterin fähig sein, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen, falls eine Krankheit einen Präsidenten Biden zum Pausieren oder Aufgeben zwingt. Die These ist nicht abwegig, dass Biden indirekt womöglich bestimmt, wer die erste Präsidentin der US-Geschichte sein wird.
In jedem Fall, auch wenn sich das Szenario seiner plötzlichen Ablösung nicht bewahrheitet, stellt er Weichen. Denn wer jetzt an der Seite des Spitzenmannes antritt, dürfte gute Karten haben, wenn die Demokraten darüber befinden, wen sie 2024 oder 2028 ums Weiße Haus kämpfen lassen. Immer vorausgesetzt, der Urnengang am 3. November endet für Trumps Widersacher nicht mit einer jähen Ernüchterung.
Indirekt könnte Biden bestimmen, wer die erste Präsidentin der US-Geschichte sein wird.