Wahlsieger Reiner Haseloff
In der Krise zum Landesvater geworden
Die Freude fiel bei Reiner Haseloff eher verhalten aus. „Die Menschen kennen mich“, sagte er knapp angesichts des in dieser Höhe unerwarteten CDU-Wahlerfolgs. Keine Jubelpose, keine überschwänglichen Worte, aber ein befreites Lächeln. „Ich freue mich über das Vertrauen.“ Für diesen nüchternen Politiker war dies fast schon ein emotionaler Ausbruch. Tatsächlich dürfte die Erleichterung riesig gewesen sein, dass die „Abgrenzung nach rechts gelungen ist“, wie er formulierte, und es noch einmal geschafft zu haben – nach immerhin 20 Jahren in diversen Landesregierungen Sachsen-Anhalts und zehn Jahren an deren Spitze.
Dass die CDU ihren Platz an der Sonne so deutlich gegenüber der rechtspopulistischen AfD verteidigen konnte, dürfte sie zu einem großen Teil diesem spröden Naturwissenschaftler zu verdanken haben, der mit seinem Corona-Krisenmanagement und als glaubwürdiger Vertreter ostdeutscher Interessen punkten konnte und dabei spät, aber eben nicht zu spät in die Rolle des Landesvaters gewachsen ist. Er ist nach Volker Bouffier immerhin der dienstälteste Ministerpräsident in Deutschland.
Haseloff wirkt oft humorlos
Haseloff gilt als Moderator der bisherigen „Kenia“-Koalition aus CDU, SPD und Grünen. Der Christdemokrat ist ein oft humorlos wirkender Typ, ein pragmatisch agierender Politiker. Für den promovierten Physiker zählen vor allem Zahlen und Fakten.
Eigentlich wollte der 67-Jährige am gestrigen Abend nur noch Zuschauer, aber nicht mehr Hauptperson sein. Doch im Rundfunkgebührenstreit, der zugleich ein Macht- und Richtungskampf in der CDU war, musste Haseloff seinen Kronprinzen, Innenminister und CDU-Landeschef Holger Stahlknecht, im vergangenen Dezember vor die Tür setzen. Der hatte hinter seinem Rücken den Koalitionsbruch und eine von der AfD abhängige CDU-Minderheitsregierung herbeigeredet. Teile der Union Sachsen-Anhalts halten die Rechtspopulisten für einen honorigen Verein, ganz im Gegensatz zu den bei ihnen unbeliebten Grünen. Der CDU-Landesverband gilt als einer der konservativsten der Republik. In der „Kenia“-Koalition krachte es immer wieder zwischen rechten Hardlinern und der grünen Landwirtschaftsministerin. Nie galt Haseloff als Antreiber der Konflikte, sondern als mäßigender, ausgleichender Faktor in Partei und Kabinett.
2011 erstmals zum Regierungschef gewählt
Im Wahlkampf zeigte die CDU gleichwohl Geschlossenheit und setzte alles auf ihren Spitzenmann, den mit Abstand bekanntesten und beliebtesten Politiker des Landes. Zu DDR-Zeiten – er ist 1976 in die Blockpartei CDU eingetreten – arbeitete Haseloff in einem Institut für Umweltschutz. Später hat er zehn Jahre das Arbeitsamt in der Lutherstadt Wittenberg geleitet. Seit 20 Jahren gehört er den Landesregierungen an – erst als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, dann als Wirtschaftsminister. Im April 2011 wurde der gemütliche Katholik erstmals zum Regierungschef gewählt.
Es ist nicht bekannt, mit welchem Bibelzitat Haseloff gestern in den Tag startete. Sicher ist nur, dass es im Haus des Ministerpräsidenten für jeden Morgen einen neuen Vers gibt, den zumeist seine Frau aussucht. Der Glaube spielt für den Christdemokraten jedenfalls eine große Rolle, für den der Besuch der Messe nach seinen eigenen Worten so selbstverständlich ist, wie „alle drei Sekunden zu atmen“.
Haseloff gehört zwar mit seiner Konfession zu einer verschwindend kleinen Minderheit, nur rund drei Prozent der Sachsen-Anhaltiner sind katholisch. Und mit mehr als 80 Prozent Konfessionslosen ist das einstige Kerngebiet der Reformation heute das Bundesland, in dem die Entchristlichung am weitesten vorangeschritten ist. Gleichwohl glaubte er auch dieses Mal fest an den Erfolg.