Meinung
Impfstoff: Europa hat auf die richtigen Firmen gesetzt
Die „Operation Impfen“ für die EU-Bürger muss als bahnbrechender Erfolg Europas gewertet werden. In Rekordzeit von weniger als zwölf Monaten haben Wissenschaftler maßgeblich in Deutschland gegen ein vor Kurzem noch unbekanntes und gefährliches Virus eine wirksame Waffe entwickelt, die höchst effektiv und extrem sicher ist. Dieser Durchbruch war – daran lassen die Forscher keine Zweifel – nur möglich, weil die EU und die Mitgliedstaaten seit vielen Jahren in die erfolgreiche neue mRNA-Technologie investiert und unmittelbar nach Ausbruch der Pandemie namhafte Summen für den Aufbau der Produktion zur Verfügung gestellt haben.
Das war Risikokapital, denn niemand konnte im Januar 2020 garantieren, dass es klappt, als die Europäische Investitionsbank (EIB) Biontech ein Darlehen von 100 Millionen Euro gewährte. So schlecht, wie häufig behauptet, kann es also um die Innovationsfähigkeit der Naturwissenschaften sowie um den Wagemut der Geldgeber im „alten Europa“ nicht bestellt sein.
Bedrohliche nationale Sonderwege
Auf Drängen der Bundeskanzlerin ist dann früh die kluge Entscheidung getroffen worden, dass die EU gemeinsam handelt. Es war goldrichtig, alles in die Waagschale zu werfen: die Kompetenz der Zulassungsbehörden der 27 Mitgliedstaaten sowie die Marktmacht von 460 Millionen EU-Bürgern als potenzielle Abnehmer des damals noch zu entwickelnden Impfstoffes. Es galt auch, die für den Zusammenhalt der EU extrem bedrohlichen nationalen Sonderwege abzuschneiden. Als im italienischen Bergamo die Seuche im März wütete und Deutschland Exportverbote für medizinisches Gerät erließ, entwickelten sich schnell antideutsche Stimmen. Daran sieht man: Das Virus hat auch das Potenzial, die EU zu spalten.
Covid-19 traf auf ein Europa, in dem in der Gesundheitspolitik viele Kompetenzen bei den Mitgliedstaaten liegen. Es wäre besser gewesen, wenn die EU über eine so schlagkräftige und finanziell gut ausgestattete zentrale Einrichtung verfügen würden wie die USA mit ihrer Behörde für Biomedizinische Forschung und Entwicklung (Barda). Doch rückblickend ist festzuhalten: Die EU-Experten lagen richtig, als sie im Sommer aus weit über 100 Impfstoffkandidaten sechs Produkte heraussuchten und mit deren Herstellern Verhandlungen aufnahmen.
Auf richtige Pharma-Pferde gesetzt
Chancen und Risiken wurden gestreut. Es wurde sowohl in revolutionär neue Impfstoffe investiert, die mit großen Herausforderungen verbunden sind wie eine aufwendige Kühlkette. Man sicherte sich aber auch konventionelle Impfstoffe. Es wurde Wert auf „Made in EU“ gelegt, um dem Risiko zu entgehen, ohne Impfstoff dazustehen, wenn etwa US-Präsident Donald Trump wieder einmal „America first“ sagen und Exporte verbieten würde.
Vielleicht wären die Verhandlungen einfacher gewesen, wenn Brüssel anfangs fünf statt 2,7 Milliarden Euro in die Hand genommen hätte. Festzuhalten ist aber: Die EU hat auf die richtigen Pharma-Pferde gesetzt. In den nächsten Wochen und Monaten werden EU-weit etwa drei bis vier Mal mehr Impfdosen zur Verfügung stehen, als es Bürger gibt.
Diejenigen, die auf Länder wie Israel, Großbritannien und die USA verweisen, wo es schneller geht, müssen wissen: Der Grund dafür ist, dass der Pharma-Multi Pfizer dort Risiken etwa für grobe Produktionsfehler an den Staat abwälzen konnte. Die EU hat dem wichtigen Vorsorgeprinzip Rechnung getragen, indem sie erst unterschrieb, als Pfizer hier Zugeständnisse gemacht hatte.