Äthiopien RHEINPFALZ Plus Artikel Immer neue Berichte über Gräueltaten in Provinz Tigray

Ein koptischer Christ in der „Heiligen Stadt“ Axum.
Ein koptischer Christ in der »Heiligen Stadt« Axum.

Nur selten dringen Nachrichten vom Krieg in der äthiopischen Region Tigray nach außen. Truppen aus dem Nachbarland Eritrea sollen Hunderte Zivilisten systematisch ermordet haben. Eine Spurensuche.

Tigrays erste Christen müssen Verfolgungen gewohnt gewesen sein: Die Bewohner der äthiopischen Provinz meißelten ihre Kirchen vor 1500 Jahren in steile Felswände, nur über halsbrecherische Pfade erreichbar. Die Höhlenkirche von Maryam Dengelat blieb sogar ganz abgeschnitten, seit vor rund 400 Jahren ein Felssturz ihren Eingang mit in die Tiefe riss. Erst vor zwei Jahren machten Alpinisten das spektakuläre Gotteshaus zumindest für schwindelfreie Priester wieder zugänglich. Das jährliche Marienfest findet am 30. November in der Kirche am Fuß der Felswand statt. Das jüngste endete in einem Blutbad.

Mehrere hundert Gläubige hatten sich um die Mittagszeit zur Messe versammelt, als plötzlich Soldaten im Dorf auftauchten und zu schießen begannen, berichtete eine Augenzeugin dem US-Sender CNN. Viele seien in Panik aus der Kirche geflohen, fährt die Zeugin fort: „Doch die Soldaten töteten jeden, der ihnen in die Quere kam.“ Anschließend seien die Landsknechte von Gehöft zu Gehöft gezogen, hätten die Bewohner aus ihren Hütten getrieben und erschossen. Neben Männern auch Kinder, Frauen und Greise.

Angreifer kamen laut Überlebenden aus Eritrea

Die Angreifer seien aus Eritrea gewesen, heißt es übereinstimmend in den Zeugenberichten. Ihre Sprache und Uniformen hätten sie verraten. Die Orgie der Gewalt hielt offenbar mehr als zwei Tage lang an. Erst als die Eritreer am dritten Tag abzogen, wagten sich die Überlebenden aus ihren Verstecken. Er allein habe über 70 tote Dorfbewohner identifiziert, sagt ein Zeuge gegenüber CNN. Insgesamt sollen in Maryam Dengelat bis zu 150 Menschen ermordet worden sein. Darunter auch 20 Teilnehmer des Kindergottesdienstes – alle nicht älter als 14 Jahre.

Erst jetzt kommen immer mehr Einzelheiten der Vorgänge in Tigray während des Krieges zum Vorschein. Bislang hatte die äthiopische Regierung die Provinz hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt. Schon Ende November hatte Premierminister Abiy Ahmed die „Strafexpedition“ gegen Tigrays politische Führung für „siegreich beendet“ erklärt: Es habe „keinerlei zivile Opfer“ gegeben. Immer neue Berichte haarsträubender Gräueltaten strafen den Friedensnobelpreisträger jetzt Lügen.

In der „Heiligen Stadt“ Axum, in der die Bundeslade der Israeliten aufbewahrt sein soll, kam es sowohl zu Kriegsverbrechen als auch zu schweren Menschenrechtsverletzungen, berichtet Amnesty International. Das Militär habe die lediglich von Zivilisten bevölkerte Stadt am 19. November unter Artilleriebeschuss genommen – ein Verstoß gegen die Genfer Konvention. Nachdem teilweise nur mit Stöcken und Messern bewaffnete Mitglieder der Volksbefreiungsfront Tigrays (TPLF) am 28. November ein Lager eritreischer Soldaten in Axum angriffen, antworteten diese mit einem 24-stündigen Rachefeldzug, dem fast 800 Einwohner der Stadt zum Opfer fielen.

Tausende Frauen und Mädchen Opfer von Vergewaltigung

Den Zeugenberichten zufolge haben die Eritreer am schlimmsten gewütet. Sie sind mit Tigrays Bevölkerung zwar ethnisch und sprachlich eng verwandt, seit dem dreijährigen Wüstenkrieg um die Jahrtausendwende herrscht jedoch bittere Feindschaft. Die Eritreer fühlten sich von dem Brudervolk verraten. Ihr Zorn auf die äthiopische Minderheit verbindet sie mit den Angehörigen anderer äthiopischer Bevölkerungsgruppen, die sich von Tigrays Elite schon seit Jahrzehnten an den Rand gedrängt fühlten. Regierungschef Abiy nahm für seine „Strafexpedition“ offensichtlich die militärische Hilfe der von einem Diktator regierten Nachbarn in Anspruch – auch wenn das beide Seiten noch immer bestreiten. Die Indizien sind allerdings dermaßen eindeutig, dass auch Washington von der Präsenz eritreischer Truppen in Tigray ausgeht.

Über Gräueltaten wird nicht nur aus den heiligen Stätten Axum oder Maryam Dengelat und nicht nur aus der Kriegszeit vor drei Monaten berichtet. Die Kämpfe in der Provinz halten offenbar noch immer an, Millionen Menschen seien auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, sagen die UN.

Am schlimmsten hören sich jedoch die Berichte über Gewaltexzesse gegenüber Frauen an. Die unabhängige Organisation „Europe External Programme with Africa“ geht davon aus, dass in Tigray seit Kriegsbeginn mehr als 10.000 Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden. „Wie soll man von der Ermordung eines Großvaters berichten, der sich weigerte, vor den Augen seiner Familie seine Enkelin zu vergewaltigen?“, heißt es im jüngsten Report der Organisation.

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