George Floyd RHEINPFALZ Plus Artikel Im Prozess steht „Amerika vor Gericht“

Auch zum Beginn der Hauptverhandlung gegen den Ex-Polizisten, der den Schwarzen George Floyd getötet hat, gab es am Montag Demon
Auch zum Beginn der Hauptverhandlung gegen den Ex-Polizisten, der den Schwarzen George Floyd getötet hat, gab es am Montag Demonstrationen in Minneapolis.

Zehn Monate nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd in Minneapolis hat am Montag das Hauptverfahren gegen den Ex-Polizisten Derek Chauvin begonnen. Es ist einer der wichtigsten Fälle von Polizeibrutalität, die in den USA je verhandelt wurden.

Angeklagt ist Derek Chauvin, der Ex-Polizist, der sein Knie rund neun Minuten lang in den Nacken George Floyds drückte. Chauvin, so der Staatsanwalt Jerry Blackwell, habe einen Eid abgelegt. Bei seiner Aufnahme in das Minneapolis Police Department habe er geschworen, niemals unnötig Gewalt anzuwenden. Gegenüber Floyd aber habe er in exzessiver und sinnloser Weise Gewalt angewandt. Er habe den Tod eines wehrlosen, in Handschellen am Boden liegenden Mannes zu verantworten.

Es ist einer der wichtigsten Fälle von Polizeibrutalität, die in den USA je verhandelt wurden. Über Schuld oder Unschuld zu befinden haben zwölf Geschworene, die der Richter Peter Cahill unter mehr als dreihundert Anwärtern aussiebte. Es sind Juroren, denen Cahill zutraut, trotz allem, was sie bereits aus den Medien wissen, neutral abzuwägen. Sowohl die Anklage als auch die Verteidigung konnten ein Veto gegen Kandidaten einlegen, die sie für ungeeignet hielten, weil sie entweder zu große Sympathien für Polizisten erkennen ließen oder nach dem Tod Floyds an Protestdemonstrationen teilnahmen. Wie man es mit „Black Lives Matter“ halte, ob man das Justizsystem für gerecht halte, ob man glaube, dass die Polizei Afroamerikaner systematisch diskriminiere: Fragen wie diese waren zu beantworten, bevor Geschworene entweder zugelassen oder abgelehnt wurden.

Die zwölf Geschworenen bleiben fürs Erste anonym

Die zwölf, die demnächst ein Urteil fällen, bleiben fürs Erste anonym. Der Fernsehkanal Court TV, der die Verhandlung live überträgt, wird darauf verzichten, sie einzublenden. Auf dem Weg zum Saal 1856 des Hennepin County Courthouse werden sie von Bewaffneten eskortiert. Gleiches gilt, wenn sie das Gerichtsgebäude verlassen, einen Betonklotz, der mit Zäunen, Stacheldraht und Betonbarrieren an eine Kaserne mitten in einem Unruhegebiet denken lässt.

Was die Öffentlichkeit über die Juroren wissen darf, sind Geschlecht, Alter – allerdings nur ungefähr – und Hautfarbe. Indem der Richter zumindest darüber informiert, will er deutlich machen, dass sich in Minneapolis nicht wiederholt, was sich jahrzehntelang wie ein roter Faden durch die amerikanische Justizgeschichte zog. Cahill will klarstellen, dass es sich diesmal, anders als allzu oft in der Vergangenheit, nicht um eine fast ausschließlich mit Weißen besetzte Jury handelt, die über die Schuld am Tod eines Schwarzen zu urteilen hat. Sechs der Geschworenen, drei Frauen und drei Männer, haben dunkle Haut. Vier sind jünger als dreißig, drei jünger als vierzig. Kommentatoren in Minneapolis sprechen von einer Diversität, wie sie keineswegs typisch ist für Gerichtsverfahren im Bundesstaat Minnesota.

Zu Beginn rief Blackwell noch einmal in Erinnerung, was sich am 25. Mai 2020 im Süden von Minneapolis abspielte, an der Kreuzung Chicago Avenue/38th Street, an der das Lebensmittelgeschäft Cup Foods liegt. Abends gegen acht kaufte Floyd bei Cup Foods Zigaretten. Weil er mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein bezahlt haben soll, wird die Polizei gerufen. Zwei Beamte, Alexander Kueng und Thomas Lane, binden ihm die Hände auf dem Rücken zusammen und setzen ihn in ihr Auto. Danach erscheinen zwei weitere Polizisten, Derek Chauvin und Tou Thao, am Ort des Geschehens. Chauvin übernimmt das Kommando und zerrt Floyd aus dem Wagen, bevor er ihm mit seinem Knie im Nacken die Luft abschnürt, während Kueng auf der Brust des 46-Jährigen und Lane auf dessen Beinen kniet. Eine Schülerin nimmt alles mit ihrer Handykamera auf.

Verteidigung: Herzkrankheit und Drogen führten zu Tod

Mit dem Video, argumentiert die Staatsanwaltschaft, sei im Grunde alles bewiesen. Chauvin habe Floyd getötet, indem er, länger als bislang dokumentiert, neun Minuten und 29 Sekunden auf seinem Hals kniete. Selbst dann noch, als der wehrlos am Boden Liegende nicht mehr atmete, nachdem er etliche Male gestöhnt hatte, dass er keine Luft mehr bekomme. Die Anklage lautet auf Mord zweiten und dritten Grades sowie auf Totschlag. Mord zweiten Grades, nach den Statuten Minnesotas ein Angriff, der mit dem nicht beabsichtigten Tod des Angegriffenen endet, kann mit bis zu 40 Jahren Gefängnis bestraft werden. Die Verteidigung indes versucht Chauvin mit dem Argument zu entlasten, dass Floyd nicht wegen des Knies in seinem Nacken gestorben sei. Vielmehr habe sein schlechter Gesundheitszustand – eine Herzkrankheit, hoher Blutdruck, verbunden mit regelmäßigem Drogenkonsum – zum Tod geführt.

Letzterem hat Philonise Floyd, einer der beiden Brüder des Getöteten, auf einer Mahnwache unmittelbar vor Prozessbeginn vehement widersprochen. „Dieser Polizist hat meinen Bruder zu Tode gefoltert, und dabei hatte er ein Grinsen im Gesicht“, rief er den Versammelten zu. Der New Yorker Bürgerrechtsprediger Al Sharpton, nach Minneapolis gereist, um den Protest vorm Gerichtsgebäude anzuführen, brachte auf den Punkt, was gerade Afroamerikaner mit dem Verfahren verbinden. Im Saal 1856 werde sich erweisen, ob das Justizsystem des Landes in der Lage sei, Polizisten zur Rechenschaft zu ziehen. „Chauvin sitzt im Gerichtssaal, aber Amerika steht vor Gericht.“

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