Kommentar
Hungerstreik fürs Klima: Keine gute Idee
Seit dem 30. August hungern sie in Blickweite des Reichstagsgebäudes in Berlin: eine Gruppe junger Klimaschützer, die so die deutsche Politik zwingen will, das Thema radikal ernster zu nehmen. Gefordert wird ein öffentliches Gespräch noch vor der Bundestagswahl mit den drei Kanzlerkandidaten (am besten in einer Liveübertragung, wie eine Protestierende sagte).
Außerdem, so die zweite Forderung, müsse ein Bürgerrat eingerichtet werden. Dieses Gremium, zusammengesetzt aus zufällig ausgewählten Staatsbürgern werde sich, so die Hoffnung, für jene drastischen Klimaschutzmaßnahmen aussprechen, um die sich die Politik bisher gedrückt habe.
Eine schlimme Situation
Weil weder die eine noch die andere Forderung bisher erfüllt worden ist, haben ein paar Beteiligte jetzt noch eine Schippe draufgelegt: Sollte bis Donnerstag, 19 Uhr, kein Kandidatengespräch zustandekommen, wollen sie auch das Trinken verweigern. Wobei alle wissen: Ohne Nahrung kann der Mensch notfalls wochenlang auskommen, ohne Trinken allenfalls ein paar Tage.
Es ist eine schlimme Situation. Schlimm auch deshalb, weil Armin Laschet (CDU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) – die hinter den Kulissen schon mit den Hungerstreikenden in Kontakt standen, aber eben nicht öffentlich – kaum auf die Forderungen eingehen können. Denn was käme nach einem Gespräch? Was, wenn diese Demonstrantengruppe nicht mit den Entscheidungen eines Bürgerrates übereinstimmen würde? Gleichzeitig will natürlich niemand „schuld“ sein am Tod von Hungerstreikenden. Das Ganze ist damit eine moralisch überhöhte Form der Erpressung – die nicht dadurch besser wird, dass man sich auf den gewaltlosen Widerstand Mahatma Gandhis beruft.
Die Jungen müssen es ausbaden
Schlimm ist die Situation aber auch, weil sie zeigt, wie sehr manche jungen Menschen verzweifelt sind. Beim Schutz des Klimas ist über drei Jahrzehnte lang viel zu wenig getan worden. Wenn sich das nicht sehr schnell ändert, werden das die Jungen im wahrsten Wortsinne ausbaden müssen. In diesem Punkt sind die hungernden Idealisten also durchaus Realisten.
Die Berliner Aktion zeigt auch, dass sich Teile der Klimaschutzbewegung wegen unterbleibender Maßnahmen seitens der Politik und Wirtschaft radikalisieren könnten. Ihnen möchte man zurufen: Bleibt im demokratischen Rahmen! Und den Hungerstreikenden möchte man klar sagen: Brecht ab! Auch Gewalt gegen euch selbst ist Gewalt.