Ukraine-Krieg RHEINPFALZ Plus Artikel Hilferufe aus der deutschen Hauptstadt

Neuankömmlinge aus der Ukraine im Berliner Hauptbahnhof verbringen die erste Nacht häufig dort. Weil es warm ist.
Neuankömmlinge aus der Ukraine im Berliner Hauptbahnhof verbringen die erste Nacht häufig dort. Weil es warm ist.

Täglich kommen bis zu 15.000 Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, in Berlin an. Der Senat geht davon aus, dass der Höhepunkt der Fluchtbewegung aber noch längst nicht erreicht ist.

Wenn in der Ukraine „humanitäre Korridore“ geöffnet werden, sagt Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke), werden „die Flüchtlingszahlen noch deutlich steigen“. Berlins Regierungschefin Franziska Giffey (SPD) hat wohl auch deshalb den Katastrophenfall für ihre Stadt noch nicht ausgerufen. Das entsprechende Gesetz sieht vor, Polizei, Feuerwehr und Ordnungsämter für die Bewältigung eines Ausnahmezustands heranzuziehen. Damit stünden rund 2500 zusätzliche Kräfte und über 200 Fahrzeuge bereit.

Zurzeit erreichen täglich bereits so viele Menschen die Hauptstadt, dass es nicht einmal genügend Busse und Busfahrer gibt, um sie in andere Bundesländer zu verteilen. „Wir haben den Bund um Unterstützung bei der Registrierung und für die Bus-Logistik gebeten“, sagte Kipping am Wochenende. Denn Kontrollverlust oder gar Chaos müssen unbedingt vermieden werden, damit die enorme Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung nicht in Frust umschlägt.

Doppelt so lange Züge

Insbesondere am völlig überlasteten Hauptbahnhof spielen sich dramatische Szenen ab. Die Eurocitys der polnischen PKP, die aus Warschau und dem polnisch-ukrainischen Grenzbahnhof Przemysl hier ankommen, sind inzwischen doppelt so lang wie vor dem Krieg. Binnen Minuten müssen Hunderte Flüchtlinge aufgenommen, verteilt und versorgt werden. Viele der überwiegend freiwilligen Helfer sind nach zweiwöchigem Dauereinsatz am Ende ihrer Kräfte. Sie kümmern sich um Ukrainer – fast ausschließlich Frauen und Kinder –, die noch müder sind als die Helfer, und zudem häufig traumatisiert.

Aufgrund des enormen Ansturms wurde die Vermittlung zwischen Privatleuten und Quartiersuchenden erst einmal eingestellt. Bei der Bettenbörse sind mittlerweile weit über 30.000 Übernachtungsmöglichkeiten in Wohnungen registriert. Doch längst nicht alle Angebote können überprüft werden. „Wir müssen sicherstellen“, erklärte Berlins Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial, „dass Frauen und Kinder nicht in missbräuchlichen Verhältnissen landen – diese Gruppen sind ja besonders vulnerabel.“

Verdeckte Ermittler im Einsatz

Die in Polen geborene Frau hat große Zweifel, dass die Bettenbörse die richtige Form der Unterbringung für die Geflüchteten ist. Inzwischen sind verdeckte Ermittler am Haupt- und Busbahnhof im Einsatz, um Flüchtlinge, insbesondere alleinreisende Kinder, vor Missbrauch zu schützen.

Von den Menschen, die in Berlin stranden, möchte ein gutes Drittel erst einmal in der Stadt bleiben. Die Mehrheit versucht, weiter zu reisen oder kommt privat unter. Es habe sich gezeigt, dass die Flüchtlinge versuchen, in die bekanntesten deutschen Städte zu kommen, sagt Giffey. „Berlin ist das beliebteste Ziel.“ In der Hauptstadt leben rund 13.000 Ukrainer und schätzungsweise knapp 200.000 Russen oder russischstämmige Menschen.

Die russische Gemeinschaft wird bewusst bei der Hilfe für die Ukraine miteinbezogen. „Meine Erfahrung bis jetzt zeigt“, sagt Niewiedzial, „dass die russische Community mit der ukrainischen an einem Strang zieht.“ Die zunehmende antirussische Stimmung bereitet der Integrationsbeauftragten große Sorgen. Auf eine deutsch-russische Schule wurde bereits ein Brandanschlag verübt.

Der Hass, den Putin sät

Die Berliner Polizei registrierte seit dem russischen Überfall auf die Ukraine über 100 Fälle von Sachbeschädigung, Bedrohung und Beleidigung gegen Menschen aus Russland und russische Institutionen. Deshalb sei es wichtig, darauf hinzuweisen, sagt Niewiedzial, dass es „Putins Krieg“ sei. „Wir müssen aufpassen, dass der Hass, den Putin sät, jetzt hier nicht ausgebadet werden muss von Menschen, die auch nicht mit ihm einverstanden sind – aber zufällig dieselbe Sprache sprechen“, betont auch Senatschefin Giffey.

Man dürfe sich keinen Illusionen hingeben, heißt es im Roten Rathaus. Mit der Bombardierung der großen ukrainischen Städte verfolge Putin den Plan, dass die Fluchtbewegung weiter anwachse und so zu einer Destabilisierung der EU beitrage.

In Berlin geht es bereits ans Eingemachte, beziehungsweise Eingemottete: Nach den Messehallen und dem früheren Flughafen Tegel wird jetzt überlegt, Schlafplätze auch im derzeit geschlossenen BER-Terminal 5 (dem alten Flughafen Schönefeld) und in einem Hangar des früheren Airports Tempelhof einzurichten. Dort werden gerade Sachspenden für die Ukraine gesammelt.

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