Politik RHEINPFALZ Plus Artikel „Gorbi, hilf!“– Protestrufe am 7. Oktober 1989

Das Honecker-Regime war am Ende – wollte es aber noch nicht glauben, als es am 7. Oktober 1989 mit Staatsgästen – darunter dem s
Das Honecker-Regime war am Ende – wollte es aber noch nicht glauben, als es am 7. Oktober 1989 mit Staatsgästen – darunter dem sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow – die Parade zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung abnahm. Foto: dpa

Vor genau 30 Jahren feierte die DDR ihren 40. „Republikgeburtstag“. Noch einmal versuchte das SED-Regime, die meist jugendlichen Oppositionellen mit Gewalt niederzuhalten. Unser Korrespondent war Augenzeuge und erinnert an die Ereignisse dieser Nacht.

Republikgeburtstage, wie die DDR ihren Gründungstag am 7. Oktober 1949 nannte, waren Rituale der Selbstbestätigung. Die SED-Führung ließ am Vorabend die Jugendorganisation FDJ aufmarschieren und lud internationale Staatsgäste ein. Am 40. Jahrestag war erstmalig auch der neue Hoffnungsträger aus Moskau zu Besuch. Schon auf der Fahrt in die Innenstadt wurde Michail Gorbatschow von Zehntausenden Menschen am Straßenrand für seine Reformpolitik („Perestroika“) bejubelt. „Gorbi, Gorbi“-Rufe erschallten, viele riefen auch „Gorbi, hilf!“.

Die von der Ausreisewelle in den Westen und den Montagsdemonstrationen verunsicherte SED-Führung reagierte nervös. Stasi-Chef Erich Mielke ordnete mit Blick auf die Feiern an: „Feindliche Aktivitäten sind mit allen Mitteln entschlossen zu unterbinden.“ Und der schon gebrechlich wirkende SED-Chef Erich Honecker fand keine Worte, als er von Gorbatschows spontanem Auftritt an der Neuen Wache erfuhr, bei dem vor Reportern der berühmte Satz fiel, der wörtlich übersetzt heißt: „Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben“ – und später als „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ zum geflügelten Wort wurde.

„Honecker wurde kaum beachtet“

Im Berliner „Palast der Republik“ wurden noch einmal die alten Rituale gepflegt. Honecker sang mit den Staatsgästen, darunter dem Palästinenser Jassir Arafat und dem rumänischen Staatschef Nicolae Ceausescu, die „Internationale“ und tanzte, sichtlich lustlos, mit Gattin Margot zum DDR-Geburtstag.

„Man sah“, schrieb Gorbatschow in seinen „Erinnerungen“, dass sich Honecker „nicht wohl in seiner Haut fühlte“. Denn die zuvor erfahrenen Demütigungen blieben dem greisen SED-Chef nicht verborgen. „Honecker“, notierte Gorbatschow, „wurde kaum beachtet, als wir das Menschenspalier vor dem Palast der Republik durchschritten.“

Stasi-Leute in auffällig unauffälligen Windjacken

Am Alexanderplatz sollte die Jugend feiern – mit Disko und Kaltgetränken. Seit Tagen kursierten in der Oppositionsszene selbstgedruckte rote „40-Quark-Scheine“ zum Republik-Geburtstag: auf der Vorderseite neben dem Konterfei Stalins „40 Jahre Ruhe Ordnung Sicherheit“, auf der Rückseite verpesten rauchende Schlote die Luft. Man ahnte, da die Party mit den seit den gefälschten Kommunalwahlen (am 7. Mai 1989) regelmäßigen Protesten am 7. jedes Monats auf dem Alex zusammenfiel, dass sich dort nicht nur staatstreue FDJ-Angehörige einfinden würden. Entsprechend umfangreich war das Aufgebot an Stasi-Leuten in auffällig unauffälligen Windjacken am Rand des Platzes.

Tatsächlich wurde die Gruppe junger Leute, die sich unter dem Motto „Nie genug vom Wahlbetrug“ versammelte, um auf die Wahlen „zu pfeifen“ immer größer. Irgendwann formierte sich ein Demonstrationszug in Richtung Palast der Republik. Aus der auf mindestens 2000 Menschen angewachsenen Menge – eskortiert von Volkspolizei und Stasi – war immer lauter zu hören: „Keine Gewalt“ und „Gorbi, hilf uns“.

Auch die West-Journalisten rannten weg

Mannschafts-Lastwagen und dichte Ketten von Sicherheitskräften drängten die überwiegend jungen Leute in Richtung des Bezirks Prenzlauer Berg. Als der Zug mit inzwischen rund 3000 Teilnehmern das Ost-Berliner Zentrum verließ und es zu ersten Übergriffen kam, begann auch die kleine Gruppe West-Journalisten zu rennen. Danach wurden die gelben Pressekarten „40 Jahre DDR“ aus den Taschen gekramt und gut sichtbar an die Jacken gesteckt. In der Schönhauser Allee zeigte dies durchaus Wirkung: In dem Moment, als die Stasi-Greiftrupps das Korrespondenten-Trio wahrnahmen, zogen sie sich erst einmal zurück.

Auf der Straße begann, es dunkelte schon, ein regelrechtes Katz-und-Maus-Spiel. Was keiner wusste: Auf einem Dach beobachtete der DDR-Fotograf Ralf Herzig von oben das Geschehen. Er erinnert sich noch an das mulmige Gefühl und die Angst „von der Stasi entdeckt zu werden“. Herzig machte die einzigen Aufnahmen, die es von der Demo und den Attacken der Sicherheitskräfte gibt.

Stasi-Chef Erich Mielke gab das Signal

Am Abend gingen viele Demonstranten in die nahe Gethsemanekirche. Tatsächlich wartete das Regime noch, bis die letzten Staatsgäste abgereist waren, um dann brutal zuzuschlagen. Stasi-Chef Erich Mielke gab das Signal: Mit dem „Humanismus“ sei es nun vorbei. Die jungen Leute, die später das Gotteshaus verließen, wurden von Stasi und Volkspolizei in einer Orgie der Gewalt niedergeknüppelt. Hunderte wurden verhaftet, abtransportiert und gedemütigt.

Es war das letzte Mal, dass das SED-Regime Härte zeigte. Zwei Tage später, am 9. Oktober, fanden gleich in mehreren Kirchen der Leipziger Innenstadt Friedensgebete vor den Montagsdemonstrationen statt, in denen auch die Freilassung der in Ost-Berlin Verhafteten gefordert wurde. Es hatte sich rasch herumgesprochen, dass Leipziger Krankenhäuser zusätzliche Blutkonserven anforderten, sämtliche Ärzte in Bereitschaft standen und Kombinate und Betriebe Leute für die bewaffneten Betriebskampfgruppen abstellten. Als im SED-Bezirksblatt die Montagsdemonstranten als wüste Randalierer dargestellt worden waren, reagierten Bürgerrechtler mit einem Aufruf direkt an die DDR-Volkspolizei: „Wir sind ein Volk! Gewalt unter uns hinterlässt ewig blutende Wunden!“

Die Angst überwunden

Trotz schlimmster Befürchtungen überwanden Zehntausende Menschen ihre Angst und kamen mit Autos und in überfüllten Zügen nach Leipzig. Mit höchstens 15.000 Demonstranten hatten die Sicherheitskräfte gerechnet. Als dann mehr als 70.000 Menschen aus der gesamten DDR unter dem Ruf „Wir sind keine Rowdys. Wir sind das Volk!“ gewaltlos um den Ring zogen, wichen die am Hauptbahnhof gut sichtbar postierten Einheiten von Bereitschaftspolizei, Kampfgruppen und Stasi zurück. Einer solchen Menschenmenge waren sie nicht gewachsen.

Genau um 18.35 Uhr siegte die friedliche Revolution: „Vorbereitete Maßnahmen zur Verhinderung/Auflösung kamen entsprechend der Lageentwicklung nicht zur Anwendung“, protokollierte das Ministerium für Staatssicherheit. Als sich dann später SED-Politbüro-Mitglied Egon Krenz telefonisch in Leipzig meldete, war eine „chinesische Lösung“ nicht mehr möglich. Die Diktatur erlitt die entscheidende Niederlage.

„Ohne den 9. Oktober 1989 hätte es den 9. November 1989 nicht gegeben und nicht den 3. Oktober 1990“, schrieben kürzlich Dutzende DDR-Dissidenten in einem offenen Brief über die Bedeutung dieses Tages, der ganz Deutschland veränderte.

Zuerst abdrängen, später niederknüppeln: Die Staatsmacht versuchte, einen sich am Alexanderplatz bildenden Demonstrationszug zu
Zuerst abdrängen, später niederknüppeln: Die Staatsmacht versuchte, einen sich am Alexanderplatz bildenden Demonstrationszug zu verhindern. Foto: dpa
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