Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Genderstern und AfD: Friedrich Merz probt den Kulturkampf

Schuld hat das Binnen-I: CDU-Chef Friedrich Merz.
Schuld hat das Binnen-I: CDU-Chef Friedrich Merz.

Der Versuch von CDU-Chef Friedrich Merz, den Zuspruch für die AfD dadurch zu erklären, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk „gegenderte Nachrichten“ sendet, verirrt sich im Unguten des Kulturkampfes.

Steile These, die der Medienwirkungsforscher Friedrich Merz da verbreitet, der nebenbei als CDU-Bundesparteivorsitzender fungiert. Vor allem fehlt ihr die Datenbasis.

„Mit jeder gegenderten Nachrichtensendung (im öffentlich-rechtlichen Rundfunk) gehen ein paar Hundert Stimmen mehr zur AfD“, meint der konservative Vordenker in seiner Netzpost, die sich „Merzmail“ nennt. So einfach ist das? Der Hoffnungsträger aus der Vergangenheit ist am Limit seiner empirisch belegbaren Erklärungsnot. Entstanden durch die sich selbst nicht erfüllende Prophezeiung, als Parteivorsitzender werde er den Wähleranteil der unbürgerlich Rechtsextremen halbieren. Die Realität: Die Partei, deren Chefdemagoge Björn Höcke in Halle gerade wegen Gebrauchs der SA-Losung „Alles für Deutschland“ angeklagt ist, steht bundesweit bei 18 Prozent, was ein tieftrauriges Allzeithoch bedeutet! Merz im Übrigen präsidiert die CDU seit jetzt 500 Tagen. Und scheinbar ist er daran gescheitert, dass seine oppositionellen Offerten in der „Tagesschau“ und „heute“ durch Umgehung des generischen Maskulinums sabotiert worden sind. Was aber eher sein kann, dass die AfD den zu ihrer Erbmasse zählenden faktenunabhängigen, populistischen Kulturkampf einfach besser beherrscht.

Der Genderstern eine Zwangsideologie, wirklich?

Denn zur belegbaren Wahrheit gehört, dass man sich bei der ARD im Hauptprogramm an die Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung hält, auf Genderstern, Binnen-I und so weiter verzichtet und wie das ZDF auch die inklusiven Sprechpausen (Politiker_innen) ausfallen lässt. Frage: Bleibt dann noch was vom Vorwurf der kontraproduktiven öffentlich-öffentlichen Volkserziehungsanstalten? Das heißt, außer einer Sprachpraxis, die – anders als die Werbung – netterweise auch Apothekerinnen und Ärztinnen adressiert, wenn medizinisch-pharmazeutische Nachrichten vermeldet werden? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Merz noch einen gefährlichen Versuch unternimmt, sein Scheitern an der AfD ins Affektive abzuleiten. Ähnlich wie in der Heiz- und Klimadiskussion die Wärmepumpe, angefeuert von einer Hammer-Front aus „Bild“, Markus Söder (CSU) und AfD, inzwischen in wachsenden Kreisen statt einfach als die zukunftsangemessene Technik für Neubauten als Symbol einer bessermeinenden Zwangsideologie firmiert.

Sachpolitik statt Genderstreit würde helfen

So besteht die von Merz als übergroß angesprochene Mehrheit der Deutschen, die eine gendergerechte Sprache in den Medien ablehnt, laut der jüngsten, vom WDR in Auftrag gegebenen Infratest-Umfrage aus 52 Prozent der Befragten. 41 Prozent befürworten sie. Ähnlich verhält es sich, wenn Merz in seinem Rundbrief an die Anhänger davon spricht, „normale“ Menschen würden das Land ganz anders wahrnehmen als das „Justemilieu der Regierungsparteien“. Und so zeiht er en passant Millionen Wählerinnen und Wähler der SPD, der Grünen und der FDP der Anormalität und bringt die Mehrheit des Wahlvolks an Fremdwortkenntnisgrenzen. Gesund, wie sich am AfD-Erfolg sehen lässt – kann dieses moralistische Auseinanderdividieren der Gesellschaft jedenfalls nicht sein, das sich auf Nebenschauplätzen wie der Genderthematik symbolisch entfaltet. Denn der Kern der Problematik, dass Menschen sich abgehängt, unrespektiert und ungesehen in ihren Lebenssichtweisen fühlen, aufgeteilt in Stadt- und Landbevölkerung, müsste anders als linguistisch gelöst werden. Mit Taten statt Worten, Ideen- statt Kulturkampf, Gerechtigkeitsdebatten statt des die Dinge gefühlig verengenden, ewigen Genderstreits. Sachpolitik, um Himmels Willen. Steile These das, ich weiß.

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