Politik Gemetzel im Morgengrauen
Das Gemetzel muss grauenvoll gewesen sein. Am frühen Morgen des 17. Juli 1918 ermordeten Mitglieder der russischen Geheimpolizei Tscheka in einem Kelleraum einer Villa in Jekaterinburg die gesamte Zarenfamilie, ihren Leibarzt und drei Bedienstete. Weil sich die weiblichen Opfer in Erwartung einer weiteren Deportation Schmuck in die Kleidung genäht hatten, prallten viele Kugeln des Todeskommandos ab, das sein Werk daraufhin mit Bajonetten vollendete.
Um das Verbrechen zu vertuschen, war zunächst beabsichtigt, die Leichen in einem Bergwerksschacht zu verstecken. Das schien aber nicht sicher genug. Deshalb begrub man die letzten Romanows schließlich in einem nahe gelegenen Waldstück und verpflichtete die Beteiligten zu absolutem Stillschweigen. Der Zar und seine Familie seien bei einem Fluchtversuch umgekommen, lautete die offiziell verbreitete Version. Die siebenköpfige Romanow-Familie war sofort nach der erzwungenen Abdankung des Zaren im März 1915 im Alexander-Palais von Zarskoje Selo (heute Puschkin) unter Hausarrest gestellt worden. Weil die Provisorische Regierung im nahen Sankt Petersburg befürchtete, die heranrückende Front könnte auch den Zarenpalast erreichen und die deutschen Truppen die Romanows befreien, verlegte man sie am 1. August 1917 ins sibirische Tobolsk. Dort lebten das Zarenpaar, seine vier Töchter im Alter zwischen 15 und 21 Jahren sowie der an der Bluterkrankheit leidende zwölfjährige Thronfolger Alexei relativ ruhig und unbehelligt, bis sie im März 1918 an den Ural nach Jekaterinburg verlegt wurden. Dort besaß die berüchtigte Geheimpolizei Tscheka ein „Haus zur besonderen Verwendung“, in dem die Zarenfamilie nun völlig von ihrer Umgebung abgeschottet wurde. Die Bolschewiken unter Lenin fürchteten aber immer noch, dass zarentreue „Konterrevolutionäre“ die Romanows befreien und sie zu Galionsfiguren einer antikommunistischen Bewegung machen könnten. Nachdem die Bolschewiki 1917 in der Novemberrevolution in Russland die Macht übernommen hatten, brach schon wenige Monate später ein blutiger Bürgerkrieg aus. Und es sah so aus, als gewänne die „Weiße Armee“ der Kommunistengegner ständig an Boden. Gleichzeitig wuchs die Kritik der kommunistischen Linken an den Bolschewiki, die Arbeiter rebellierten. Das war vermutlich auch der Grund, warum Lenin von dem Plan, dem Zaren öffentlich den Prozess zu machen, abrückte und den Befehl zur Ermordung der Zarenfamilie gab. Nikolaus II. war im Grunde ein sehr unpolitischer Mensch. Als sein Vater Alexander III. 1894 mit nur 49 Jahren starb, war der 26-jährige Nikolaus darauf keineswegs vorbereitet. Er glaubte, das Land mit harter Hand regieren zu müssen. Die soziale und wirtschaftliche Krise, auf die das Riesenreich in den folgenden Jahren zusteuerte, überforderte ihn völlig. Er verschleppte notwendige Reformen und unterdrückte gnadenlos jeden Aufstand. Nachdem ihn die Bolschewiki zum Abdanken gezwungen hatten, ertrug er Machtverlust und Gefangenschaft äußerlich völlig ungerührt. Er schien mit dem Ende des Zarenreichs abgeschlossen zu haben und wollte offenbar nur noch mit seiner Familie zusammen sein. Eine reale Gefahr von Konterrevolution ging von dem abgedankten Zaren sicher nicht aus. Nach den Leichen der Opfer wurde erst 1991, als es die Sowjetunion nicht mehr gab, gesucht. Überreste von neun Skeletten wurden schließlich in der Nähe des Dorfes Koptjaki entdeckt. Um ihre Identität festzustellen, wurden DNA-Untersuchungen veranlasst. Das genetische Vergleichsmaterial kam von einem nahen Verwandten der Romanows, von Prinz Philip, dem Ehemann der britischen Königin Elizabeth II. Allerdings fehlten zwei der Kinder: die zum Todeszeitpunkt 19-jährige Maria und Thronfolger Alexej (13). Deren Skelette wurden erst 2007 gefunden. Genau 80 Jahre nach den Morden wurden die neun zuerst entdeckten Opfer schließlich am 17. Juli 1998 in der Peter-und-Paul-Kathedrale in Sankt Petersburg bestattet. Der Zeremonie wohnte auch der russische Präsident Boris Jelzin bei. Dieser hatte als regionaler KPdSU-Sekretär noch 1977 das Ipatjew-Haus, in dem die Zarenfamilie ermordet worden war, abreißen lassen. Es war zur Wallfahrtsstätte der Monarchisten geworden, was den regierenden Kommunisten ein Dorn im Auge war.