Politik „Geisterboote“ aus Nordkorea lösen in Japan Ängste aus

Seit einiger Zeit landen immer wieder hölzerne, eigentlich nicht hochseetaugliche Boote an Japans Küste an. In manchen von ihnen finden sich Leichen. Offensichtlich starteten die Schiffe in Nordkorea.
Jeden Morgen patrouilliert das Team von Kiyoski Tanaka am Strand von Sai, einem einsamen Fischerdorf aus wenigen Holzhütten. Die Küste fällt oft Hunderte Meter steil ab. Das Japanische Meer peitscht hier besonders heftig im Wintersturm. Tanaka ist Abteilungsleiter des Gemeindeamtes, zuständig für Müll aller Art. „Wir sind es gewohnt, dass seltsame Dinge angespült werden, Frachtcontainer, Schiffsteile, Chemikalientonnen oder Polstermöbel zum Beispiel.“ Die Strömung treibt vieles an Land. Auch ganze Schiffe, genauer gesagt zwölf bis 15 Meter lange Holzboote mit wenig Technik, oft kieloben treibend, zuweilen auch halbwegs intakt. Leer oder mit Leichen im Rumpf. Kiyoshi Tanaka muss das Strandgut sorgfältig dokumentieren, die Akte trägt auf dem Deckblatt des neutralen Vermerk: Hyouchakusen, zu Deutsch: manövrierunfähige Schiffe. Fünf an der Zahl hat sein Team seit dem 27. Oktober 2015 bereits registriert. Das erste im Basalt eines Wellenbrechers – ein männlicher Toter, das Gesicht von Fischen zerfressen. Auch spätere Leichenfunde waren stark verwest. Japans Medien stellen die Frage: Woher kommen diese Seelenverkäufer und was hat sie an Japans Küste getrieben? Experten sind sich in einem Punkt einig: In See gestochen sind die Kähne in Nordkorea. Für dieses Indiz sprechen die primitive Bauweise und Schriftzeichen am Rumpf. Netze an Bord deuten darauf hin, dass es sich um Fischer handeln könnte. Warum aber haben sich Menschen mit nicht hochseetüchtigen Booten überhaupt auf die gefährliche Reise im stürmischen Japanischen Meer begeben? Im japanischen Außenamt ist zu erfahren, dass eine verheerende Dürre in diesem Jahr große Teile der nordkoreanischen Reisernte zunichte gemacht hat. Im Pjöngjanger Staatsfernsehen wurden Bilder über Visiten von Diktator Kim Jong Un in Fischverarbeitungsbetrieben gezeigt, bei denen der Führer seine Leute zu Höchstleistungen antrieb – unter seinem Regime ist das ein strikter Befehl, sich mit Todesverachtung in die Arbeit zu stürzen. Es ist zudem bekannt, dass Nordkorea einen großen Teil seiner Devisen aus dem Fang von Meeresfrüchten, vor allem Riesenkrabben, erwirtschaftet. Antworten könnten die 42 bisher geretteten Überlebenden geben. Aber sie geben an, kein Japanisch zu sprechen und verweigern auch über Dolmetscher jede Auskunft. Nicht einmal ihre Personalien lassen sich feststellen. Und viel Interesse daran haben die Behörden wohl auch nicht. Es werden Fotos gemacht und Fingerabdrücke registriert. Danach übergibt man diese Leute auf hoher See an Schiffe, die unter nordkoreanischen Hoheitszeichen unterwegs sind. Das muss formell genügen, denn diplomatischen Ärger mit Pjöngjang gibt es mehr als genug. Nordkorea wird schon wissen, um wen es sich bei diesen armen Teufeln handelt. Japans Polizei und Sicherheitskräfte vermuten, dass die Männer im schlimmsten Fall als potenzielle Agenten oder Saboteure ohnehin „verbrannt“ sind. Man weiß auch, dass sich einige auf vorgelagerte Inseln gerettet haben könnten. Kürzlich wurden auf dem unbewohnten Eiland Matsumaekojima vor Süd-Hokkaido drei Männer verhaftet. Sechs weitere wurden deportiert. Japans Bevölkerung ist durch die „Geisterboote“ beunruhigt. Die Invasion aus Nordkorea weckt Erinnerungen an eine Serie von Entführungen vor vier Jahrzehnten. Damals hatten Agenten Nordkoreas Japaner an Stränden überwältigt und mit Booten verschleppt. Sie wurden nachweislich gezwungen, Spionen die japanische Sprache, Sitten und Gebräuche beizubringen. Wie viele es tatsächlich waren, weiß niemand, denn in Japan herrscht keine strikte Ausweispflicht und es gibt jährlich Tausende, die aus privaten Gründen untertauchen. Japan listet aktuell mindestens 17 noch lebende Verschleppte auf. Pjöngjang jedoch behauptet, acht von ihnen seien bereits verstorben, vier weitere seien niemals in Nordkorea angekommen. „Die Familien warten noch heute auf die Rückkehr oder wenigstens ein Lebenszeichen ihrer Lieben“, klagt Shigeo Iizuka, der in Japan für die Gruppe der Hinterbliebenen spricht. Auch für die Tokioter Regierung besitzt dieser Völkerrechtsbruch nach wie vor höchste politische Priorität. US-Präsident Donald Trump machte unlängst beim Staatsbesuch den betroffenen Familien seine Aufwartung. Offiziell wird ein Zusammenhang zwischen den „Geisterbooten“ und den Entführungen dementiert, aber dennoch glauben viele Japaner daran. Manche sprechen schon von einer „nationalen Hysterie“. Seit sieben Jahren registriert Japans Küstenwache die angeschwemmten Kutter: bisher offiziell 249. Zwischen 2015 uns 2016 wurden keine amtlichen Angaben publik gemacht, weil die Behörden Angst hatten, dass sich in der Bevölkerung Panik breit macht. Jetzt wird wieder öffentlich gezählt, und allein in diesem Jahr strandeten bereits mindestens 76 Kähne, allein im November 28 mit 40 Toten. Oft müssen sich grausige Szenen vor dem Tod angespielt haben. Fast alle Leichen wurden teilweise skelettiert aufgefunden. Wer diese Männer wirklich waren, wie sie starben und wann, ist unklar. Aber eines ist sehr wahrscheinlich, denkt Jeffrey Kingston, renommierter Asienwissenschaftler von der Temple University Japan: „Die Geisterschiffe sind ein Barometer für die Lebenssituation in Nordkorea – kalt und traurig. Sie deuten auf Verzweiflung hin.