Evangelische Kirche
Gedanken zum Reformationstag: 95 Thesen auf Instagram
Während wir heute gerne klicken, tippen und wischen, soll Martin Luther am 31. Oktober 1517 handfester vorgegangen sein: Er schlug seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg mit Hammer und Nagel. Ihre enorme Wirkung entfalteten die Thesen und damit die Reformation jedoch aufgrund der massenhaften Verbreitung von Luthers Schriften auf Flugblättern, die erst durch die von Johannes Gutenberg verbesserten Drucktechniken möglich wurde.
Medienrevolution und Reformation gingen Hand in Hand. Wenn heute Protestanten den Thesenanschlag in zahlreichen Gottesdiensten feiern, muss der Blick aber nicht zwangsläufig in die Vergangenheit gerichtet sein. Ich möchte stattdessen fragen: Wie würde Martin Luther seine 95 Thesen wohl heute verbreiten?
Die Corona-Pandemie hat die Frage der Vermittlung von Inhalten und Kommunikation in den Vordergrund gerückt. In Zeiten geschlossener Kirchen haben viele Gemeinden Alternativen gefunden, trotz der Unterbrechung unseres Alltags in Kontakt zu bleiben. Neben Textandachten in Briefkästen und an Wäscheleinen oder ökumenischem Glockenläuten kamen vor allem digitale Kanäle zum Einsatz: gestreamte Gottesdienste, Twitter-Gebete, Seelsorge über soziale Medien, Jugendarbeit und Abendmahlsfeiern per Videokonferenz.
Würde Martin Luther heute also E-Mail und Instagram benutzen? Für die Verbreitung seiner Thesen sicherlich, aber auch für den Kern seiner Botschaft, den eigentlichen Anlass des Reformationstags? Der Mönch und Theologieprofessor forderte die Rückbesinnung auf die Heilige Schrift. Und gerade in diesem Jahr mit all seinen Herausforderungen und Sorgen treten viele biblische Themen in den Vordergrund: Leben und Tod, Nächstenliebe, Gnade oder der Umgang mit der Erfahrung der Menschen, dass sich trotz allen Fortschritts nicht jedes Problem beeinflussen oder gar lösen lässt. Mit der Bibel und ihrer Frohen Botschaft setzen wir uns oft in unseren Kirchen, im Gottesdienst, bei Abendmahl und gemeinsamem Singen auseinander. Sind digitale Begegnungen im Vergleich dazu nicht bloß ein Ersatz?
Wir sollten weniger darüber nachdenken, was digital schlechter geht, sondern was durch digitale Medien möglich wird. Auf digitalen Kanälen können zusätzliche Räume für Gemeinschaft, Verkündigung, Gebet und religiösen Austausch entstehen. Die Kirche der Reformation sollte im Sinne Luthers auch diese digitalen Medienrevolution suchen. Denn sie eröffnet uns andere Wege, die Frohe Botschaft auch in einem so schwierigen Jahr zu hören und zu erfahren.
Felix Kirschbacher, Studienleiter an der Evangelischen Akademie der Pfalz.