Politik Freie Waffen für freie Bürger

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Oliver Winchester ließ Oberhemden nähen, bevor er die Branche wechselte und im US-Bundesstaat Connecticut eine Waffenfabrik gründete. Im Jahr 1857 war das, und die Aufträge kamen vom Staat. Das Gros seiner Gewehre ging an die Regierung in Washington, nicht an Privatleute. Im amerikanischen Bürgerkrieg, in dem der Norden letztlich die Oberhand über die abtrünnigen Südstaaten behielt, scheffelte Winchester ein Vermögen. Als in den USA wieder Frieden herrschte, suchte er sich Märkte in Übersee. Erneut verkaufte er in erster Linie an Staaten, an Australien, Frankreich, Preußen, das Osmanische Reich. Waffen zum Symbol privater Freiheit zu verklären, wie es heute in den USA geschieht, wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Anfangs, schreibt die Historikerin Pamela Haag in ihrem Buch „The Gunning of America“, hätten Fabrikanten wie Winchester ihre Produkte ohne jeden Glorienschein vermarktet. Die Flinte sei eine Ware gewesen, eine Ware wie ein Pflug, „kein kulturell aufgeladenes Objekt“. Das änderte sich mit der fortschreitenden Industrialisierung und Urbanisierung des Landes. Waffen waren nun nichts mehr, was man ab und an brauchte – um eine Ranch zu verteidigen oder das Land indianischer Ureinwohner zu erobern. Waffen sollten geliebt werden, schreibt Haag. Um die Liebe zu entfachen, brauchten die Lieferanten Legenden, am liebsten aus dem Wilden Westen, ob die Geschichten nun wahr waren oder nicht. In populären Groschenromanen siegte fortan das Gute über das Böse, indem es sich einer Winchester bediente. Oder des Revolvers aus den Werkstätten von Samuel Colt. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts nahm sich das Kino des Stoffs an, wobei es die Yankees des Ostens waren, die den Cowboys des Westens romantische Filmdenkmäler setzten. „The Great Train Robbery“ (Der große Eisenbahnraub), einer der ersten Western, wurde 1903 gedreht. In Wahrheit waren sie schlecht bezahlte Akkordarbeiter, die Cowboys, die Longhorn-Rinder von Texas hinauf nach Kansas trieben, zu übel beleumdeten Umschlagplätzen wie Dodge City. Erst die verträumten Städter des Ostens, dozierte der texanische Geschichtsprofessor Walter Prescott Webb, einst der angesehenste Chronist des Westens, hätten strahlende Lichtfiguren aus ihnen gemacht. Bekannte Hollywood-Schauspieler gaben den vermeintlichen Mythengestalten später prägnante Gesichter, damit war die Heldenstory perfekt. Dass nun jeder Bürger – der Freiheit wegen – ein Grundrecht auf eine Waffe hat, diese Sicht ist relativ neu. Die National Rifle Association (NRA), der fünf Millionen Mitglieder zählende Verband der Schusswaffenanhänger, beruft sich auf das Second Amendment, den zweiten Zusatzartikel zur Verfassung. Der besteht aus einem einzigen Satz, der durchaus verschiedene Auslegungen zulässt. „Da eine wohlorganisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden“ formulierte es James Madison, einer der Gründer der Republik und deren prominentester Verfassungsrechtler. Die NRA stellt den zweiten Teil des Zusatzartikels heraus, während ihre Kritiker den ersten betonen. 1791, als der Satz zu Papier gebracht wurde, war die Landesverteidigung maßgeblich Sache von Milizionären, nicht der Armee, deren Macht Leute wie Madison begrenzen wollten, zumal sie wie ein Relikt aus dem alten Europa wirkte. Nur bewahrte man Waffen zumeist nicht zu Hause auf, sondern in gut bewachten Arsenalen. Als zum Beispiel britische Kolonialsoldaten 1775 nach Concord marschierten, hinein ins erste Scharmützel des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs, versuchten sie das Arsenal auszuheben, in dem die lokale Bürgerwehr ihre Musketen lagerte. Die Wende im Streit um die Auslegung des zweiten Zusatzes kam erst zwei Jahrhunderte später, in Form einer Studie, die Orrin Hatch, ein republikanischer Senator aus Utah, in Auftrag gegeben hatte. 1982 gelangte der parlamentarische Unterausschuss für Verfassungsfragen zu dem Schluss, dass es eindeutige Beweise gebe, wie die Autoren des Second Amendment den Waffenbesitz verstanden haben wollten. Als „individuelles Recht des amerikanischen Bürgers, um sich, seine Familie und seine Freiheiten zu schützen“. Es war die Zeit, in der die Konservativen zur Reagan-Revolution bliesen, zur Rückbesinnung auf alte Werte. Ronald Reagan war übrigens der erste Präsidentschaftskandidat, den die NRA explizit zur Wahl empfahl, nachdem sie sich aus der Politik lange herausgehalten hatte. 1871 in New York gegründet, verstand sie sich zunächst als eine Art Schützenverein, der Jäger, Sportschützen und Sammler beriet. Erst Ende der 60er Jahre, als der US-Kongress vorübergehend den Verkauf von Schusswaffen einschränkte, betrat sie die politische Bühne, in der Rolle der lautstarken Verfechterin des Prinzips „Freie Waffen für freie Bürger“. Sie begann damit, Zensuren an Abgeordnete zu verteilen, von A plus bis hin zur Note F, letztere für „wahre Feinde der Rechte von Waffenbesitzern“. Sie begann damit, Wahlkämpfern Spenden zukommen zu lassen, 2016 im Falle Donald Trump waren es 20 Millionen Dollar. Wayne La Pierre, der heutige Direktor der NRA, wirft bei jeder Gelegenheit einen Slogan in die Debatte, der an die Winchester-Werbung der Groschenromane erinnert. „Das Einzige, was einen bösen Mann mit einer Waffe aufhalten kann, ist ein guter Mann mit einer Waffe.“

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