Kommentar
„Flaggenmarsch“ in Jerusalem: Gezielte Provokation
Die Szenen, die sich am späten Dienstagabend am Jerusalemer Damaskustor, dem Eingang zum muslimischen Viertel der Altstadt, abspielten, hatten alles Zeug dafür, die ohnehin angespannte Atmosphäre erneut eskalieren zu lassen – und zwar gleich in dreifacher Hinsicht: innerhalb des israelischen Parlaments, zwischen jüdischen und palästinensischen Israelis und zwischen Gaza und Israel. Vorwiegend junge Männer riefen am späten Dienstagnachmittag Sprechchöre wie „Tod den Arabern“ und „Jerusalem gehört uns“. Die Szenen sind Teil des „Flaggenmarsches“, mit dem ultrazionistische, jüdische Israelis die Eroberung Ostjerusalems im Sechstagekrieg 1967 feiern. Für die Palästinenser eine Provokation.
Der Premier hält sich zurück
Für die frisch vereidigte Regierung war der Flaggenmarsch die erste Zerreißprobe. Mansour Abbas, der Anführer der Partei der islamisch-konservativen Partei Raam, die der Regierung die notwendige Mehrheit beschert hat, verurteilte den Flaggenmarsch und bezeichnete ihn als „ungezügelte Provokation“. Der neue Premier Naftali Bennett, Anführer der Siedlerpartei Jamina und selbst ultranationaler Zionist, enthielt sich einer Stellungnahme.
Viele Israelis vermuten, dass die Neuauflage des Marsches ein vom gerade abgewählten Premier Netanjahu eingefädelter Sabotageakt gegenüber der neuen Regierung war – und dass diese sich auf viele weitere solcher Attacken einstellen muss.