Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Flüchtlingskinder: Mutterseelenallein in Griechenland

Ein junges Mädchen steht in einem provisorischen Lager neben dem Lager Moria auf der Insel Lesbos im Regen.
Ein junges Mädchen steht in einem provisorischen Lager neben dem Lager Moria auf der Insel Lesbos im Regen. Foto: dpa

Sie sind am meisten gefährdet und brauchen besonderen Schutz: Kinder auf der Flucht. In Griechenland leben Tausende „unbegleitete minderjährige Migranten“. Viele sind sich selbst überlassen. Lange blieben die griechischen Behörden untätig. Jetzt will die Regierung in Athen handeln.

Sie flohen vor Krieg, Armut oder Misshandlung. Manche machten sich allein auf den Weg, viele als Waisenkinder, andere wurden in den Wirren der Flucht von ihren Eltern getrennt. Wie viele unbegleitete minderjährige Migranten genau in Griechenland leben, ist unbekannt. Die Zahl wird auf über 5000 geschätzt. Die meisten leben unter skandalösen Bedingungen.

Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis kündigt ein Sofortprogramm zur Unterbringung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen an. Mitsotakis erklärt das Thema zur Chefsache.

Jugendliche in „Schutzhaft“

Etwa 4000 hausen in den total überfüllten Erstaufnahmelagern auf den Inseln, meist ohne angemessene medizinische oder psychologische Betreuung, von Schulbildung ganz zu schweigen. Viele allein reisende Flüchtlingskinder werden mangels geeigneter Unterkünfte oft wochenlang in Arrestzellen auf griechischen Polizeiwachen festgehalten, nachdem sie irgendwo im Land aufgegriffen wurden. Anfang November verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Griechenland, zwei Jugendliche, die seit zwei Wochen in dieser Art von „Schutzhaft“ saßen, sofort in angemessene Unterkünfte zu bringen.

Die altersgerechte Unterbringung und Betreuung der unbegleiteten Minderjährigen ist kostspielig und personalintensiv. „Man muss sie in kleinen Gruppen von höchstens 25 Kindern unterbringen“, erklärt Giorgos Protopapas, der Direktor der SOS-Kinderdörfer in Griechenland. Die internationale Organisation hat jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Waisen und Kindern aus zerbrochenen Familien. Für die Betreuung brauche man Mediziner, Psychologen, Pädagogen und Dolmetscher. Protopapas schätzt, dass etwa 800 unbegleitete Kinder und Jugendliche in Griechenland „auf der Straße“ leben.

Eine Toilette für 300 Migranten

Gavriil Sakellaridis, der griechische Direktor von Amnesty International, beunruhigt noch viel mehr: „Etwa 1200 unbegleitete Migrantenkinder sind einfach aus dem Fokus der Behörden verschwunden und sehr wahrscheinlich schutzlos ernsten Gefahren ausgesetzt.“

Die katastrophalen Zustände in den Lagern beschreibt „Ärzte-ohne-Grenzen“-Chef Christos Christou: Auf Samos leben knapp 7500 Flüchtlinge in und um ein Lager, das gerade mal über 648 Plätze verfügt. Dort müssten sich je 300 Migranten eine Toilette teilen. Schon bei Kindern gebe es psychische Probleme und Selbstmordversuche, so Christou.

Angesichts der heillos überfüllten Aufnahmelager schickte der für die Migrationspolitik zuständige griechische Bürgerschutzminister Michalis Chrysochoidis im Oktober einen Brief an seine 27 Amtskollegen in der EU, mit dem er um Unterstützung bei der Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Migranten bat. „Nur ein einziges Mitgliedsland hat geantwortet“, berichtete Chrysochoidis.

Keine Hilfe aus Europa

Auch Ministerpräsident Mitsotakis appellierte an die europäischen Partner, jeweils 100 unbegleitete Kinder aus Griechenland aufzunehmen. Die Länder hätten aber nicht reagiert, beklagte er. Das sei „nicht ehrenhaft“. Jetzt will Mitsotakis nicht länger auf die Solidarität der EU warten, sondern handeln: „Das Leiden dieser Kinder ist eine Wunde, die wir selbst heilen müssen. Das gebieten unser Verständnis von Zivilisation und Humanität, unsere Sensibilität und unsere Tradition“, so der Premier.

„Kein Kind allein“ heißt das Programm, das spezielle Unterkünfte für unbegleitete minderjährige Migranten vorsieht. Die Kinder und Jugendlichen sollen in kleinen Gruppen angemessen betreut werden und Schulunterricht erhalten. Die Regierung will sich auch bemühen, die Minderjährigen mit Verwandten zusammenzuführen, sofern sie solche in anderen EU-Ländern haben. Die zügige Umsetzung des Programms will der Premier persönlich überwachen.

Vor dem Parlament warnte Mitsotakis, der Staat werde Kriminelle, die die Minderjährigen ausbeuten oder sexuell missbrauchen, „gnadenlos jagen und mitleidslos bestrafen“. Zunächst wurde eine Kommission eingesetzt, um das Programm vorzubereiten.

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