Bundestagswahl
Fürs Kanzleramt: „Fachwissen, dickes Fell und Leistungsfähigkeit nötig“
Herr Stauss, Sie haben maßgeblich an vielen erfolgreichen Wahlkampagnen mitgewirkt, unter anderem hier im Land für Kurt Beck und Malu Dreyer. Da liegt die Vermutung nahe, dass Sie auch ein guter Politiker geworden wären. Stimmt diese Schlussfolgerung?
(Lacht) Nein, Berater sind nicht automatisch gute Politiker – wie umgekehrt auch. Ich habe meinen Platz im Leben gefunden. Ich tue, was ich kann und bin zugleich immer wieder wirklich beeindruckt, was Politiker und Politikerinnen, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, leisten. Das gilt gerade auch in Zeiten von Corona oder Naturkatastrophen.
Wenn aber das Ansehen von Berufen abgefragt wird, landen Politiker, ähnlich wie Journalisten, meist auf den hinteren Rängen. Wie erklärt sich diese kritische Einschätzung?
Ich halte das wirklich nicht für gerechtfertigt. Aber Politik ist immer etwas, wo Menschen ihre Wut, ihre Enttäuschung abladen. Häufig gelten Politiker als Sündenböcke, die an allem schuld sind. Dafür sind sie allerdings auch ein bisschen selbst verantwortlich – wie auch die Medien. Denn in der Politik geht es immer auch darum, sich gegenseitig zu kritisieren. Trotzdem würde ich behaupten, dass es in jedem anderen Berufsstand mindestens ebenso viele, wenn nicht mehr schwarze Schafe gibt wie in der Politik.
Was muss nun ein guter, erfolgreicher Politiker mitbringen?
Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen. Aber ein guter Politiker, der auch in Spitzenpositionen vordringt, muss zum einen über eine ganze Menge Fachwissen verfügen und fähig sein, sich umfassend in komplizierte Themen einzuarbeiten. Er muss, zweitens, Menschen mögen, im Kontakt mit Menschen aufblühen. Zudem muss er oder sie mit dieser Art von Öffentlichkeit umgehen können, darf nicht beim ersten Gegenwind umfallen. Es braucht ein sehr dickes Fell. Und: Man muss extrem leistungsfähig sein. Dieser Beruf verlangt, wenn man ihn voll ausfüllen will, eine Sieben-Tage-Woche, und zwar mit sehr langen Tagen.
Der Soziologe Max Weber hat vor gut 100 Jahren Charisma als unverzichtbares Merkmal von Politikern ausgemacht. Wenn ich ehrlich bin, fallen mir derzeit kaum charismatische Politiker vom Schlage etwa eines Willy Brandt ein.
Charismatische Politiker sind Ausnahmeerscheinungen – und nicht immer im positiven Sinn. Charisma ist wirklich keine Voraussetzung, um als Politiker Karriere zu machen. Es kommt vielmehr darauf an, dass die passende Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Das war zu einem gewissen Zeitpunkt Willy Brandt. Aber wir hatten auch 16 Jahre Helmut Kohl, 16 Jahre Angela Merkel. Von beiden würde niemand behaupten, es handele sich um herausragende Charismatiker.
Seit eineinhalb Jahren leben wir mit Corona und damit in einer Situation, in der Politik in Teilen unter Unsicherheit betrieben werden muss. Das passt so gar nicht zum von Politikern gerne vermittelten Eindruck, auf jedes Problem gleich eine Antwort zu haben. Sollte ein Politiker einfach mal sagen: Leute, ich weiß es nicht, ich weiß es noch nicht?
Sie sprechen da eine Gratwanderung an, die Politiker leisten müssen. Sie werden gewählt, um zu führen. Aber Corona hat klargemacht, dass Politiker in unserem Zeitalter häufig keinen wirklichen Wissensvorsprung mehr haben. Gerade in einer solchen Krise weiß die Führungsperson nicht wesentlich mehr als der Rest der Bevölkerung. Trotzdem wird erwartet, dass auch in solchen Krisen Entscheidungen getroffen werden – denn das ist nun einmal der Job.
Am 26. September kandidieren drei Personen für das Kanzleramt; keine von ihnen hatte dieses Amt bisher inne. Keine kann also, wie Angela Merkel, sagen: Sie kennen mich. Annalena Baerbock, Armin Laschet, Olaf Scholz – was fällt Ihnen mit Blick auf die Frage nach dem guten Politiker bei diesem Trio ein, welche Stärken können, müssen sie ausspielen?
Annalena Baerbock ist von den dreien die unbekannteste. Sie muss punkten, indem sie sagt: Ich bin diejenige, die frischen Wind, frische Ideen, Tatkraft ins Kanzleramt bringt. Zudem muss sie herausstreichen, dass sie schon aufgrund ihres Alters eine andere Weltsicht als ihre Mitbewerber hat. Mit Blick auf Erfahrung und Reputation kann sie mit Laschet und Scholz jedenfalls nicht konkurrieren.
Und Herr Laschet?
Armin Laschet ist in einer Art Zwitterposition. Er ist zwar Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, aber darüber hinaus vielen Menschen noch nicht bekannt. Er profitiert davon, dass er für den Parteienverbund mit der größten Stammwählerschaft antritt. Bei ihm ist es wichtig, dass er Kontinuität und Verlässlichkeit ausstrahlt.
Bleibt Olaf Scholz.
Er kann noch am ehesten sagen: Sie kennen mich. Wenn jemand so lange präsent ist, verzeihen die Menschen auch mehr, weil sie ein Grundvertrauen in die Person entwickelt haben. Bei ihm sind eher die Kompetenzwerte für seine Partei das Problem. Er als Person ist recht angesehen, allerdings hat die SPD auf Bundesebene offensichtlich Schwierigkeiten. Scholz muss also eine gewisse Dynamik entfalten, was ihm wiederum von seiner Persönlichkeit her schwerfällt.
Begeistern tut aber keiner von den dreien?
Das stimmt. Dieses Potenzial hatte am ehesten noch Frau Baerbock, ehe sie in ein paar selbstgestellte Fallen stolperte. Aber auch hier gilt: Welcher Kanzler hat zu Beginn seiner Amtszeit schon begeistert?
Ist die Bundestagswahl schon gelaufen?
Derzeit könnte man, beim Blick auf die Zahlen, den Eindruck gewinnen. Aber wir haben so viele Unbekannte wie noch nie in der Geschichte der Republik. Und: Der Klimawandel wird das dominierende Thema werden, aber die Grüne Kandidatin ist schwach, Armin Laschet macht erste Fehler und Olaf Scholz hofft auf einen Umschwung in letzter Minute. Es ist alles noch sehr im Fluss. Es klingt wie ein Klischee, aber diese Wahl wird in den letzten vier Wochen entschieden.
Sie kennen auch die Politik in anderen Ländern. Wie schneiden deutsche Politiker im internationalen Vergleich ab?
Deutschland steht im internationalen Vergleich sehr gut und stabil da. Wir genießen eine hohe Anerkennung, das gilt auch für die deutsche Politik. Wir haben bei Wahlen immer noch Zustimmungswerte von 75, 80 Prozent zu den demokratischen Parteien. Das zeigt schon, dass nicht alles falsch laufen kann in Deutschland.