Russland RHEINPFALZ Plus Artikel Für Nawalny ist Putin psychisch krank

Alexei Nawalny während seiner Verhandlung im Februar im Moskauer Bezirksgericht.
Alexei Nawalny während seiner Verhandlung im Februar im Moskauer Bezirksgericht.

Kremlkritiker Alexei Nawalny hat aus dem Gefängnis ein ausführliches Interview gegeben. Darin schildert er seinen Haftalltag. Aber vor allem attackiert er Wladimir Putin.

Die Tagesordnung in der Strafanstalt Nr. 3 in Pokrow gefällt Alexei Nawalny. Er sei Frühaufsteher, beginne seinen Tag um fünf Uhr morgens, um zu lesen, gehe hier nie später als um 22 Uhr schlafen. In Russlands Politikerkreisen stünden alle erst gegen Mittag auf, die Sitzungen aber dauerten bis in die Nacht. „Endlich lebe ich in der Tageszeit, die mir passt.“

Seit Februar sitzt der russische Oppositionsführer in Pokrow etwa hundert Kilometer östlich von Moskau eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und acht Monaten ab. Nun veröffentlichte die „New York Times“ ein schriftliches Interview mit Nawalny. Auf 54 handschriftlichen Seiten schildert er seinen Alltag hinter Gittern, äußert sich zur politischen Lage und attackiert Wladimir Putin. Nawalnys Tonlage ist humor- und hoffnungsvoll. Und offenbar ist er entschlossen, den von ihm ausgerufenen Zweikampf gegen Putin auch hinter Gittern fortzusetzen.

Gesundheitlich gehe es ihm gut, seit man unabhängige Ärzte zu ihm lasse. Man habe aufgehört, ihn nachts stündlich zu wecken, kontrolliere seine Anwesenheit nur noch alle zwei Stunden und lasse ihn dabei meist schlafen. Aber er verstehe jetzt, warum Schlafentzug eine der Lieblingsfoltern der Sicherheitsdienste ist. Geprügelt werde in Pokrow nicht, aber es herrsche quälende Pedanterie.

Neue Strafverfahren gegen Nawalny

Wie groß das Risiko sei, dass man ihn im Gefängnis töte? Nawalny antwortet, er grinse beim Lesen. „50 Prozent“, zitiert er einen russischen Witz. „Entweder ich werde getötet oder nicht.“ Aber man habe es mit dem psychisch kranken Putin zu tun, der sich von Astrologen und Schamanen beraten lasse. „Ein pathologischer Lügner mit Größen- und Verfolgungswahn.“ Putin sei eine historische Zufälligkeit, ein Fehler der korrupten Jelzin-Familie, der am Ende korrigiert werde.

„Wenn Nawalny auch in Zukunft regelmäßig so auftreten wird, kann er im Gefängnis zur Symbolfigur der russischen Opposition werden“, sagt der liberale Politiker Sergei Dawidis der RHEINPFALZ: „Und je länger er dort bleibt, umso mehr mag diese Symbolkraft wachsen.“

Inzwischen haben die Staatsorgane neue Strafverfahren gegen Nawalny eröffnet, wegen Betrugs, Richterbeleidigung und Gründung einer widerrechtlichen Organisation drohen ihm bis zu zehn Jahren zusätzlicher Haft. Nawalny aber hofft auf Proteste oder eine Palastrevolte, die das herrschende Regime früher beseitigen. „Putin“, erklärt er, „ist weder physisch noch politisch ewig“.

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