Rauschmittel RHEINPFALZ Plus Artikel Explosives Suchtmittel: Lachgas und seine Risiken

So viele Lachgas-Kartuschen landen in Berlin pro Tag in der Müllverbrennung.
So viele Lachgas-Kartuschen landen in Berlin pro Tag in der Müllverbrennung.

Lachgas wird bei Jugendlichen immer beliebter. Der Rausch birgt Risiken – von gesundheitlichen Folgen bis zu Verpuffungen in Müllanlagen. Die Schäden sind beträchtlich.

Es treibt die Sahne aus der Sprühflasche, es betäubt beim Zahnarzt und es wird inhaliert: Lachgas. Bei Jugendlichen wird es als Rauschmittel immer populärer. Die Risiken sind vielseitig. Deshalb warnt neben der Suchtprävention auch die Berliner Stadtreinigung (BSR) vor dem Trend. Denn die Kartuschen gehören laut BSR vollständig geleert in die gelbe Tonne, landeten aber häufig im Restmüll und seien selten leer. In der Verbrennungsanlage komme es dadurch häufig zu Explosionen, berichtete Martin Renner von der BSR am Mittwoch.

Lieferung in „Lachtaxis“

Inhaliert wird das Gas aus einem Luftballon. Der wird über die Kartusche gestülpt und mit Lachgas befüllt. Die Wirkung ist kurz: Die Wahrnehmung verändert sich, es ist ein Kribbeln zu spüren, es kommt zu leichten Halluzinationen und Kicheranfällen. Es ist ein Rausch ohne Altersbeschränkung hierzulande. Denn Erwerb, Besitz und Konsum von Lachgas sind in Deutschland nicht reguliert.

So hat sich ein Markt um Lachgas entwickelt, und Konsumenten müssen sich nicht mehr mit der kleinen Kapsel aus der Sahnedose zufriedengeben: In Berlin gibt es die Kartuschen im Spätkauf, online gibt es Zwei-Liter-Flaschen in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen, und „Lachtaxis“ liefern laut Eigenwerbung „in wenigen Minuten“. Die schwere Zwei-Liter-Flasche aus Edelstahl hat einen praktischem Tragegurt. Kosten für zwei Liter: zwischen 50 und 70 Euro.

Im Berliner Müllheizkraftwerk: Annika Belisle, Martin Renner und Marc Pestotnik (von links).
Im Berliner Müllheizkraftwerk: Annika Belisle, Martin Renner und Marc Pestotnik (von links).

2023 landeten in Berlin laut Renner rund 250 dieser Flaschen täglich in der thermischen Verbrennungsanlage. „Wir hatten etwa zehn Explosionen in der Woche“, erzählte er. Zum Jahreswechsel 2023/24 seien es 50 Explosionen pro Woche gewesen. Durch die Hitze in der Verbrennungsanlage bilde sich in den Flaschen Druck. Die Explosion schleudere sie bis zu 30 Meter durch die Kessel und verursache teils massive Schäden. Allein in diesem Jahr musste die Verbrennungsanlage sieben Mal wegen solcher Explosionen repariert werden.

Die BSR schreddert Müll aus öffentlichen Papierkörben deshalb jetzt in mechanischen Anlagen. So landen in den Verbrennungsanlagen weniger Lachgasflaschen. Doch zurzeit steige die Anzahl wieder, so Renner. Möglicherweise, weil sich der Konsum nach dem Sommer aus den Parks nach innen verlege und die Flaschen im Restmüll entsorgt würden.

Die Kartuschen gehören in die gelbe Tonne – damit sie nicht in der Müllverbrennung landen.
Die Kartuschen gehören in die gelbe Tonne – damit sie nicht in der Müllverbrennung landen.

Betroffen ist nicht nur die Hauptstadt. Die Interessengemeinschaft der thermischen Abfallbehandlungsanlagen (ITAD) vertritt nach eigenen Angaben 95 Prozent des deutschen Abfallmarktes. Im Frühjahr 2024 sei es im Vergleich zum Vorjahr zu 57 Prozent mehr Explosionen in Anlagen gekommen und zu 45 Prozent mehr Schäden, berichtete Sprecherin Annika Belisle – allerdings nicht alle ausgelöst durch Lachgas.

Derweil hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, um Erwerb und Besitz von Lachgas für Minderjährige zu verbieten. Ein reines Verkaufsverbot reiche aber nicht, sagte Belisle. Das zeigten Erfahrungen, die Nachbarländer gemacht hätten. Die ITAD fordere Verkaufsbeschränkungen, ein Pfandsystem als Rückgabeanreiz und entsprechende Kennzeichnungspflichten.

Lachgas-Kartuschen liegen in Berlin-Spandau im Gebüsch.
Lachgas-Kartuschen liegen in Berlin-Spandau im Gebüsch.

Gefahr: Sauerstoffmangel

Für einen beschränkten Zugang spricht sich auch Marc Pestotnik von der Suchtprävention Berlin aus. Zwar ist das Suchtpotenzial bei Lachgas laut Pestotnik gering, bei häufigem Konsum kann es aber zu Sauerstoffmangel kommen. Gerade bei Heranwachsenden sei der Mischkonsum mit anderen Rauschmitteln sehr gefährlich. Sie müssten sensibilisiert werden und dafür brauche es eine solide Finanzierung der Suchtprävention.

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