Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Europa und der Iran-Krieg: Verwundbar und allein

Schwerer Schlag für die Weltwirtschaft: die Blockade der Straße von Hormus.
Schwerer Schlag für die Weltwirtschaft: die Blockade der Straße von Hormus.

Der Iran-Krieg und dessen Folgen haben Europa massiv geschadet – sowohl wirtschaftlich wie auch geo- und sicherheitspolitisch.

Ob die vereinbarte Feuerpause im Iran-Krieg stabil und dauerhaft sein wird, ob damit gar die Grundlage für ein Ende dieses Krieges gelegt wird, ist derzeit völlig unsicher. Sicher ist hingegen, dass dieser Konflikt den Europäern erneut schmerzhaft vor Augen führt, wie verwundbar sie sind.

Die Auswirkungen des Krieges, insbesondere der Sperrung der Straße von Hormus, waren weltweit zu spüren. Aber Europa trafen die Konsequenzen, insbesondere bei der Energieversorgung, mit deutlich größerer Wucht als etwa die USA oder China. Dafür gibt es verschiedene Ursachen, von denen zumindest einige hausgemacht, selbstverschuldet sind. Es ist ein bitteres Déjà-vu, denn in einer ganz ähnlichen Situation befand sich Europa vor ziemlich genau vier Jahren, als nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs die russischen Gaslieferungen ausblieben.

Europa steckt in neuen energiepolitischen Abhängigkeiten

Wer geglaubt hat, die Europäer hätten aus den damaligen Erfahrungen gelernt, hätten den Ankündigungen, bei der Versorgung mit Energie und Rohstoffen unabhängiger zu werden und stabilere Lieferketten aufzubauen, entsprechende Taten folgen lassen, sieht sich großenteils getäuscht. Ja, Europa, insbesondere Deutschland, hat sich seitdem aus der übergroßen energiepolitischen Abhängigkeit von Russland befreit – und sich in neue, wenn auch diversifizierte Abhängigkeiten begeben.

Dieser ungute Zustand wird so lange andauern, wie die Europäer nicht fähig, nicht willens sind, sich rasch und konsequent so weit es irgend geht von fossilen Energieträgern zu verabschieden. Der Iran-Krieg ist der schlagende Beweis, dass die Energiewende, jenseits ihrer klimapolitischen Notwendigkeit, unabdingbar ist, um Europas Wirtschaften und Gesellschaften ein gutes Stück weit unabhängiger und damit auch widerstandsfähiger zu machen. Verantwortlich für diese Wende sind nicht nur „die Politik“ und „die Wirtschaft“. Jeder einzelne Bürger sollte sich nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen fragen, ob das nächste Auto tatsächlich wieder ein Verbrenner sein, die neue Heizung wirklich noch mit Gas oder Öl betrieben werden soll.

Der Austritt der USA aus der Nato ist in greifbare Nähe gerückt

Auch geopolitisch geht Europa aus diesem Krieg, ohne direkt beteiligt zu sein, geschwächt hervor. Zum einen, weil der Konflikt die Aufmerksamkeit weglenkte vom Krieg in der Ukraine, wo Russland mit unverminderter Härte seine Attacken fährt. Zu allem Überfluss sorgten die Versorgungsengpässe bei Gas und Öl dafür, dass russische Energie teurer wurde und so zusätzliche Milliarden in die russischen (Kriegs-)Kassen flossen.

Zum anderen könnte der Iran-Krieg ein weiterer Sargnagel für das transatlantische Verteidigungsbündnis sein. Die Weigerung der Europäer, seinen Wünschen nach einer Beteiligung am Iran-Krieg nachzukommen, hat den Furor von US-Präsident Trump gegen die Europäer und auch gegen die Nato angeheizt; ein Austritt der USA aus dem Bündnis ist in greifbare Nähe gerückt. Aber selbst wenn Trump auf den formalen Austritt verzichten sollte: Mit seinen öffentlichen Äußerungen hat der US-Präsident den Wesenskern der Nato – die glaubwürdige Beistandspflicht aller im Fall des Angriffs auf einen Bündnispartner – zerstört. Sicherheitspolitisch und militärisch ist Europa auf sich allein gestellt.

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