Interview
EU-Weltraumpolitik: „Auf Lichtgeschwindigkeit umschalten“
Monsieur Breton, wo steht die EU heute mit ihrer Weltraumpolitik?
Europa ist die zweitgrößte Weltraum-Macht der Welt, vor China und Russland. Das ist ein großer Erfolg. Und wir müssen alles tun, um diese Position zu halten. Wohlgemerkt: Wir haben das geschafft mit einem Budget, das drei Mal kleiner ist als das der Vereinigten Staaten. Wir Europäer sind wettbewerbsfähig, innovativ und effizient. Wir dürfen uns aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen, wir müssen auf Lichtgeschwindigkeit umschalten. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Sowohl für die institutionellen Akteure wie auch für die Industrie gilt: Business as usual ist Geschichte. Wir brauchen eine Vision und Ehrgeiz.
Wo wollen Sie 2030 sein?
Europa muss Weltmarktführer werden bei der Erdbeobachtung. 2030 wird Galileo das genaueste Navigationssystem der Welt sein. Mit einer Fehlerabweichung von dann nur noch fünf Zentimetern wird Europas eigenes Navigationssystem bestimmend sein im Bereich des vernetzten Fahrens und dem Internet der Dinge. Man rechnet damit, dass es 2030 zehn Milliarden vernetzte Objekte gibt, die geolokalisierbar sind. 2030 soll es zudem keine unversorgten Zonen beim Internet mehr in Europa geben. Dafür soll eine Konnektivität in ganz Europa über unabhängige Satelliten sorgen. Außerdem müssen wir bei innovativen Technologien zupackender sein. Wir können es uns nicht mehr leisten, neue Technologien nur deswegen abzulehnen, weil es für sie noch keinen Markt gibt.
Was heißt das konkret?
Zunächst müssen wir unsere Erfolge konsolidieren. Europa muss massiv investieren, damit Galileo das genaueste Navigationssystem der Welt bleibt und wir die Konkurrenten, GPS aus den USA und Beidou aus China, auf Abstand halten. Dafür kommt die zweite Generation von Galileo, die ursprünglich ab 2027 ausgerollt werden sollte. Ich will aber, dass es schon 2024 losgeht und die Dienste bereits 2028 zur Verfügung stehen. Die neuen Satelliten werden viele Vorteile haben: Das Signal ist stärker, es werden die ersten komplett digitalisierten Satelliten sein. Dadurch werden viele neue Anwendungen möglich. Die zweite Generation von Galileo wird nicht nur beim vernetzten Fahren, sondern auch für die Landwirtschaft, im Bereich Sicherheit und Verteidigung eine zentrale Rolle spielen.
Und bei Copernicus, dem satellitengestützten System der Erdbeobachtung aus dem All?
Wir wollen das System so perfektionieren, dass eine komplett digitalisierte Diagnose der Erde aus dem All möglich wird. Big Data muss dafür integriert werden. Wir wollen nicht nur Schnappschüsse von der Erde machen, sondern Videos. Es geht auch darum, Veränderungen zu entdecken, die unterhalb der Erdoberfläche ablaufen. Die Überwachung des CO2-Ausstoßes kann von Copernicus ebenso übernommen werden wie Missionen über der Arktis und die Überwachung der Pole.
Braucht Europa einen eigenen Zugang ins All?
Die europäische Weltraumpolitik wäre nicht glaubwürdig ohne autonomem Zugang zum All. Wir verfügen über gute Trägerraketen, ich nenne Ariane 5 und Vega. Das technische Know-how ist in Europa ebenso vorhanden wie die industrielle Basis. Ich räume aber ein, dass uns die Chinesen und US-Amerikaner mit subventionierten Kampfpreisen unter Druck setzen. Die Wiederverwendbarkeit von Trägerraketen sowie die Pläne für bemannte Privat-Flüge fordern die Europäer heraus. Europa muss reagieren, sonst droht uns ein Verlust von Terrain. Wir brauchen die Ariane 6. Aber das reicht nicht: Wir müssen bereits jetzt an die Ariane 7 denken. Der neue EU-Haushaltsrahmen erlaubt erstmals auch Investitionen in Trägerraketen. Die Kommission wird mit Arianespace erstmals über einen Vertrag mit einem Volumen von mehr als eine Milliarde Euro verhandeln. Dadurch wird das multinationale Unternehmen deutlich sichtbarer werden, im Gegenzug für garantierte Aufträge erwarten wir mehr Innovation und mehr Flexibilität.
Welche Rolle sollte Europa in der weiteren Erforschung des Weltalls haben?
Um es klar zu sagen: Wir Europäer müssen den Ehrgeiz haben, ganz weit vorne bei der Erforschung des Weltalls dabei zu sein. Klar, die US-Amerikaner haben sich das Ziel gesetzt, den Mars zu erreichen und wollen dabei den Mond passieren. Die Chinesen haben den Mond im Blick. Europa muss sowohl das Ziel Mond als auch das Ziel Mars im Blick haben. Das bedeutet aber, dass wir Europäer Präsenz zeigen müssen im Bereich der bemannten Raumfahrt. Dafür sind wir aber auf die Kooperation mit anderen angewiesen.