Vor der Saarlandwahl RHEINPFALZ Plus Artikel „Es Anke“ und die echte Saarlandliebe

Auch Olaf Scholz aus dem hohen Norden empfindet auf einmal „echte Saarlandliebe“. In Berlin hört man den Kanzler das nie sagen.
Auch Olaf Scholz aus dem hohen Norden empfindet auf einmal »echte Saarlandliebe«. In Berlin hört man den Kanzler das nie sagen.

Kurz vorm Wahlsonntag streichelt Spitzenkandidatin Rehlinger die saarländische Seele. Bei der SPD macht sich Vorfreude breit, nach 23 Jahren wieder ans Ruder zu kommen. Am Aufschwung der SPD ist ein alter Bekannter beteiligt: Oskar Lafontaine.

Von Georg Altherr

NEUNKIRCHEN/SAAR. Zu den heftigsten Corona-Nebenwirkungen gehört offenbar der Lärm. Anke Rehlinger steht in Neunkirchen auf einer großen Bühne mitten in der Stadt. Im Hintergrund ist das riesige, rostige Eisenwerk zu sehen, das Wahrzeichen der Stahlstadt. Doch Rehlinger ist kaum zu verstehen.

Vielleicht 20 Gegner der Seuchenmaßnahmen trommeln, pfeifen, schreien sich die Seele aus dem Leib. Mit Heulbojen und Vuvuzelas machen sie die Spitzenkandidatin der Saar-SPD akustisch nieder.

Das gar nicht stumme, aber bald vielleicht taube Häufchen

Die Situation ist grotesk: Während der Autokrat Putin gerade in der Ukraine auch auf Zivilisten schießen und in Russland Demonstrationen niederknüppeln lässt, wähnt sich die schräge, lärmende Truppe in einer „Corona-Diktatur Deutschland“.

Anke Rehlinger (45) ignoriert die Krachmacher, hält ohne Anzeichen von Gereiztheit ihre Wahlkampf-Rede. Erst als der Schlussapplaus verklungen ist, wendet sie sich doch noch an das gar nicht stumme, aber bald vielleicht taube Häufchen. „Wenn ihr alle mal so laut fürs Impfen getrommelt hättet, dann bräuchten wir heute nicht über eine Impfpflicht zu diskutieren“, ruft sie in Richtung der Demonstranten – und erntet dafür gewaltigen Applaus vom SPD-Anhang.

„Selbstbewusst, aber nicht selbstverliebt“

Die Stimmung im SPD-Lager ist gut, fast ausgelassen. Die SPD regierte in den vergangenen zehn Jahren an der Saar zwar mit, aber eben als Juniorpartner der CDU, die den Regierungschef stellt. Nun führt die SPD in allen Umfragen klar vor der CDU, der Machtwechsel ist zum Greifen nah. SPD-Umweltminister Reinhold Jost versucht der Vorfreude jeden Anflug von Überheblichkeit zu nehmen. Seine Partei gehe „selbstbewusst, aber nicht selbstverliebt“ in die Wahl, sagt er zur RHEINPFALZ. Dann holt er sich noch eine Bratwurst und wartet auf den großen Auftritt. Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich angekündigt.

Der Stummplatz füllt sich. Auf einmal ist Anke Rehlinger zu erkennen. Sie schwimmt durch die Menge. Vorm Mund die Maske, auf der Nase die beschlagene Brille. Rehlinger versucht trotzdem, Gesichter zu erkennen, bleibt an jedem Biertisch stehen und verliert überall ein paar Worte.

„In Turnhallen und Ortsbeiräten“

Dann steht sie auf der Bühne. Rehlinger hat den dunklen Mantel gegen ein knallrotes Jackett getauscht. Während ihrer gesamten Rede schwenkt sie beide Arme parallel stetig auf und ab, als wolle sie die Menge antreiben.

Aber sie treibt sich damit selbst an, wird energischer. Die Wahlkämpfer im Saarland sind pfleglich, fair und höflich miteinander umgegangen. Kein böses Wort über den anderen, nur hie und da mal eine kleine Spitze. So auch heute. Wenn Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) damit wirbt, dass er eine Batteriefabrik ins Saarland gelotst habe und hier und da und überall Spatenstiche vollziehe, dann kontert Rehlinger, dass „man den Spatenstich erst einmal organisieren muss“. Sie als Wirtschaftsministerin sei „in Turnhallen und Ortsbeiräte gegangen“, um dafür zu sorgen, dass für den Bau der Batteriefabrik „die Mehrheiten auch stehen“.

Saarlandmeisterin im Kugelstoßen und Diskuswerfen

Auf den Vorhalt, „dass die SPD nicht wahnsinnig viel Neues“ in ihrem Wahlprogramm stehen habe, antwortet sie: „Ja, richtig, das ist nichts wahnsinnig Neues, aber wir achten darauf, dass wir halten, was wir versprechen.“ Rehlinger spricht im Endspurt ganz die saarländische Seele an. Sie ist im Saarland geboren und aufgewachsen, war nie länger weg, wurde hier Rechtsanwältin und Berufspolitikerin. Als Leichtathletin startete Rehlinger für den LC Rehlingen/Saar und holte die Saarlandmeisterschaft im Kugelstoßen und im Diskuswurf. Und wie lautet das Motto der SPD in diesem Wahlkampf? „Echte Saarlandliebe“. Wer hätte das gedacht!

Saarländer nennen ihre Politiker gerne beim Vornamen. „Der Oskar“, das ist Lafontaine, „der Heiko“, das ist Maas. Und während Annegret Kramp-Karrenbauer überall in Deutschland AKK genannt wurde, heißt sie im Saarland „es Annegret“. Wohl weil Saarländer davon ausgehen, dass Mädchen nie so richtig erwachsen werden, nennen Saarländer Frauen immer „es“ – wie Mädchen eben – und nicht „sie“ oder „die“.

Zwei Fünftel der Wähler an die Linkspartei verloren

So ergeht es nun auch Rehlinger. „Es Anke schafft das“, ist sich ein Zuschauer sicher. Der Niedergang der SPD an der Saar hat ihm weh getan, aber nun freut er sich regelrecht auf den Wahlabend. Für den Niedergang der SPD an der Saar war Oskar Lafontaine verantwortlich. Nach seinem Wechsel zur Linkspartei verlor die SPD im Saarland zwei Fünftel ihrer Wähler – eben an die Linkspartei. Zehn Tage vor der Saar-Wahl hat Lafontaine nun die Linkspartei verlassen – und seine Wähler sind zurück bei der SPD. Aus der Menschenmenge auf dem Stummplatz in Neunkirchen ragen zwei Plakate, auf denen Oskar Lafontaine für die SPD wirbt. Die muss irgendein Sozialdemokrat ganz hinten im Keller gefunden haben, denn die Plakate sind sicher ein Vierteljahrhundert alt.

Hauptredner vorm rostenden Eisenwerk in Neunkirchen ist Bundeskanzler Scholz. Nach einer Tour durch den Ernst der Tagespolitik beendet er seine Rede mit dem Satz: „Was wir jetzt brauchen, das ist echte Saarlandliebe und Anke Rehlinger.“ Wer hätte das gedacht!

Anke Rehlinger schwimmt auf dem Stummplatz in Neunkirchen durch die Menge.
Anke Rehlinger schwimmt auf dem Stummplatz in Neunkirchen durch die Menge.
Traditionspflege: Rehlinger ehrt einen Bergmann.
Traditionspflege: Rehlinger ehrt einen Bergmann.
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