Hiroshima RHEINPFALZ Plus Artikel Erster Atombombenabwurf: Schwieriges Gedenken in Corona-Zeiten

Symbol des nuklearen Schreckens: Der Atompilz über dem japanischen Hiroshima steigt 13 Kilometer in die Höhe.
Symbol des nuklearen Schreckens: Der Atompilz über dem japanischen Hiroshima steigt 13 Kilometer in die Höhe.

Vor 75 Jahren verwandelte die erste im Krieg eingesetzte Atombombe die japanische Stadt Hiroshima in eine lodernde Hölle. Inzwischen glauben die meisten Überlebenden nicht mehr an die Macht von Erinnerung und Mahnung. Die Pandemie tut jetzt ein Übriges.

Man muss die nüchternen Fakten akzeptieren. 75 Jahre sind vergangenen, seit die „Sonne auf die Erde fiel“ und in Hiroshima Zehntausende bei 6000 Grad Hitze verglühten. Weitere Ungezählte verbrannten in ihren eingestürzten Häusern oder starben im Laufe der Zeit elend an radioaktiver Strahlung. Man schätzt, es sind bis heute mehr als 200.000 Opfer. Kein Wunder, dass nur noch sehr wenige Zeitzeugen des atomaren Grauens von Hiroshima am 6. August 1945 und Nagasaki drei Tage später am Leben sind.

Die meisten von ihnen sind im Greisenalter. Es sind kaum noch 5000 Überlebende, die diesen Jahrestag gern genutzt hätten, um das Gedenken an ihr Schicksal wachzuhalten und vor den Schrecken der Atombombe aus eigenem Erleben zu warnen. So Eiko Takoa, damals eine junge Mutter, die nur 750 Meter vom Explosionszentrum entfernt in einer Straßenbahn fuhr und hinter einem Steingebäude das Inferno wie durch ein Wunder schwer verletzt überlebte. Sie glaubt bis heute daran, dass ihr Säugling beim Stillen das radioaktive Gift aus ihren Körper sog. Bald darauf war er nicht mehr am Leben. „Mein Kind ist für mich gestorben.“

Die letzte Gelegenheit

So brutal es klingt, Corona hat den Überlebenden die vielleicht letzte Chance ihres Lebens auf eine große Bühne anlässlich des Jubiläums genommen. Die meisten Gedenkveranstaltungen mussten in diesem Jahr aus Angst vor der weiteren Verbreitung der Pandemie abgesagt oder erheblich reduziert werden. In Japan gilt derzeit ein rigides Einreiseverbot aus 130 Staaten, und im Land sollen Versammlungen vermieden werden.

Auch Prominente sind von der Corona-Sperre betroffen, so UN-Generalsekretär Antonio Guterres. Bürger mit Wohnsitz in den USA dürfen bis auf weiteres nicht in Japan einreisen. Für den Chef der Weltorganisation hätte Tokio eine Ausnahme gestattet, aber nicht ohne zwei Wochen Quarantäne – beim besten Willen nicht machbar.

Knapp zwei Drittel haben in einer aktuellen Umfrage unter Hiroshima-Überlebenden beklagt, dass der Ausbruch von Corona sie in diesem Jahr daran hindert, ihre Erfahrungen an die jungen Leute weiterzugeben. Zu ihnen gehört Hiroyuki Kinoshia: „Ich hatte mich zum ersten Mal darauf vorbereitet, in einer Schule über das Elend und die Gefahr nuklearer Waffen zu sprechen. Aber dann kam die Absage des Rektors, die Pandemie sei zu gefährlich für seine Kinder.“

Gegen den Wahnsinn des Nuklearkriegs

Das hat den 79-Jährigen sehr enttäuscht, weil er nicht weiß, wann eine solche Gelegenheit für ihn wieder besteht. Ein Viertel der noch lebenden Hiroshima-Opfer glaubt, dass ihre Gesundheit das künftig nicht mehr zulässt. Ein Sechstel von ihnen hat diese Mission bereits aufgegeben. 40 Prozent haben noch nie öffentlich über ihr Schicksal gesprochen.

So werden zwar auch dieses Jahr wieder offiziell kluge und gewiss wohlmeinende Reden gehalten gegen den Wahnsinn des nuklearen Kriegs, Appelle vor allem für eine atomwaffenfreie Welt. Auch Japans Premierminister Shinzo Abe äußerte sich bereits mit Anteilnahme und verspricht aus diesem feierlichen Anlass, dass sein Land nie wieder Atomwaffen besitzen, herstellen oder auch nur lagern wird. Tokio werde stets versuchen, eine Brücke zu schlagen zwischen den Staaten mit und ohne Nukleararsenal. Aber man hat das von Tokios national-konservativem Regierungschef auch schon etwas anders gehört, vor allem wenn Nordkorea einmal wieder mit Atomraketen droht.

Nur leere Floskeln?

Statt Hoffnung macht sich an diesem 75. Jahrestag Frust breit. Kenichi Mashima empfindet das Mitgefühl der Regierenden als „leere Floskeln“. Kaum sei das Jubiläum vorbei, „telefonieren die Politiker mit der Lobby der Rüstungsindustrie“, klagt der emeritierte Professor der Universität Osaka. Sein Fazit: Während die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki altern und aussterben, modernisieren die Atommächte ihre Arsenale. Ähnlich skeptisch sieht das auch Setsuko Thurlow: „Vielleicht werde ich nicht mehr lang genug leben, um die vollständige Abschaffung nuklearer Waffen zu erleben“, vermutet die 88-Jährige.

Deshalb setzt sie sich mit anderen Überlebenden dafür ein, dass dieses Grauen nicht in Vergessenheit gerät. Viele ihrer Schicksalsgenossen halten dies inzwischen für einen aussichtslosen Kampf. 78 Prozent von 4700 Überlebenden glauben, dass ihre Mission mit jedem Jahr, das vergeht, schwieriger wird. Nicht einmal die Hälfte von ihnen hat die Hoffnung, dass der jetzt drei Jahre alte Vertrag zum Verbot von Atomwaffen tatsächlich etwas bewirkt.

Korrigiertes Geschichtsbild

Die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates – USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich, allesamt Atommächte – unterstützen diesen Pakt nicht. Auch Japan, das unter dem nuklearen Schutzschild der USA steht, ist dem Abkommen bisher nicht beigetreten. „Die den Schrecken erlebt haben, sterben eines nicht so fernen Tages einfach weg und können ihre Stimme nicht mehr erheben“, sagt der 93-jährige Shoji Tanaka. „Wir müssen diesen Kampf gegen Atombomben wohl oder übel den kommenden Generationen überlassen.“

Das ist vielleicht sehr optimistisch. Zur aktuellen Wahrheit gehört auch: Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki haben ungewollt auch das Geschichtsbild im Bewusstsein der japanischen Nation „korrigiert“. Im atomaren Schmelztiegel verbrannte für sehr viele Japaner die Schuld des eigenen Aggressionskrieges, und aus dieser Asche erwuchs ihnen die erste Opferrolle in der Gefahr eines nuklearen Weltbrandes. Es klingt vielleicht salopp, aber viele Japaner wollen mit der Vergangenheit einfach in Frieden gelassen werden.

Beten für die Opfer des Atombombenabwurfs vor dem Kenotaph im Friedenspark Hiroshima.
Beten für die Opfer des Atombombenabwurfs vor dem Kenotaph im Friedenspark Hiroshima.
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