Politik
Erst einmal tippen lernen
Lange vor der Corona-Krise wurde in Deutschland eine milliardenschweres „Digitalpaket“ geschnürt. Endlich sollte der Bund den Ländern helfen dürfen, unterrichtstechnisch ins 21. Jahrhundert zu starten. Dann tauchte Sars-Cov-2 auf – und eine Digitalisierung des Unterrichts erscheint seitdem noch dringlicher. Weil niemand weiß, wann das Virus verschwindet – und wie lange Schüler nur in wechselnden Schichten ihr Schulgebäude betreten dürfen.
Berg von Aufgaben
Doch mit der Digitalisierung der Schulen in Deutschland ist es – Ausnahmen bestätigen die Regel – nicht weit her. So schildern deutsche Eltern, die eigentlich in den USA arbeiten, vor der dort wütenden Corona-Krise aber zurück ins „sichere“ Deutschland geflohen sind, ihr komisches Gefühl, wenn sie vergleichen, welchen Unterricht ihre Kinder bekommen – und was deren Freunde ein paar Straßen weiter so treiben. Denn die deutsch-amerikanischen Kinder nehmen per Internet und über die Plattform „Google Classroom “ weiter am Unterricht der US-Schule teil, es gibt getaktete Vorgaben und Strukturen. Die deutschen Kinder hingegen bekommen von einem Lehrer einen Berg von Aufgaben zugewiesen, von einem anderen rein gar nichts. Und nach einer geeigneten Internet-Plattform, über die man das alles zeitsparend und zuverlässig abwickeln könnte, wird sowieso noch gesucht.
Wer ist schuld, woran hängt's? Wie meist im Leben lautet die schlichte Antwort: an sehr vielem. An einer überbordenden Kultusbürokratie, die sich im schlechtesten Fall mit Erlassen gegen rechtliche Schritte absichert – die Umsetzung dieser Vorgaben jedoch den Schulen überlässt. Manchmal liegt es auch an Lehrern, die keinen Bock auf Kollege Computer haben. Oder an den Möglichkeiten von Eltern, die vielleicht Bock auf Computer, aber kein Geld für einen guten haben.
Mit der Hand geschrieben und abfotografiert
Tja, und dann sind da noch die Schüler. Lehrer kennen das: Auf gestellte Aufgaben hin erhalten sie eine Antwortmail ihrer Schüler. Angehängt ist ein oft ziemlich dunkles Foto, das die Schüler mit dem Smartphone von ihrer Hausaufgabe gemacht haben. Denn die wurde handschriftlich erledigt, auch von Zwölftklässlern. Hallo!? Arbeiten so „digital natives“, die digitales Wissen angeblich mit der Muttermilch aufgesogen haben? Seien wir ehrlich: Wenn es mit der Digitalisierung deutscher Schulen klappen soll, müssen die Kids des 21. Jahrhunderts erst einmal tippen lernen.