Meinung
Endlich wieder Verreisen! Doch die Sorglosigkeit ist weg
Sind genügend Masken eingepackt? Reicht das Desinfektionsmittel für die Hände? Was heißt eigentlich Halsschmerzen auf Italienisch? Greift die Auslandskrankenversicherung mit Rücktransportoption, wenn man in Spanien an Corona erkrankt? – Statt mit dem Ausarbeiten von Routen für den Besuch von Sehenswürdigkeiten, Wanderungen oder schönen Stränden sind Urlauber im Sommer des Jahres 2020 wegen der Covid-19-Pandemie mit ganz anderen Dingen beschäftigt.
Wenn sie es nicht gleich ganz sein lassen. Zu unsicher erscheint vielen Deutschen die Lage, auch wenn derzeit das Reisen zumindest in die meisten europäischen Länder wieder möglich wäre. Andere wiederum greifen (unbewusst) zu einem psychologischen Trick: Sie, die wegen der Ansteckungsgefahr in keinen Bus einsteigen würden, blenden das Risiko im Flughafen/Flugzeug/Hotel einfach aus – es geht schließlich um die „schönsten Wochen des Jahres“. Auf die hat man sozusagen ein Anrecht.
Das Gefühl der Freiheit
Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Einstellung der Urlaubswilligen und Urlaubsreifen. Ihre Gefühlswelt ist in Aufruhr. Schließlich war Urlaub in der Vergangenheit immer mit einem gewissen Gefühl der Freiheit verbunden. Koffer oder Rucksack packen – und weg. Corona hat diese Zeit der Sorglosigkeit beendet. Jetzt ist man gezwungen zu überlegen: Kann ich überhaupt an mein Wunschziel reisen? Wie sieht es da aus mit dem Gesundheitssystem? Drohen wegen der wirtschaftlichen Verwerfungen Unruhen am Zielort? Ist eine neue Virusgefahr dabei, sich auszubreiten.
Dass im März/April Hunderttausende im Ausland strandeten und zurückgeholt werden mussten, hat viele potenzielle Urlauber zudem nachhaltig verstört. Dabei gehört die Tourismusbranche – neben der mit ihr verbundenen Luftfahrt – sowieso zu den Hauptleidtragenden der Pandemie. Der akute wirtschaftliche Einbruch dürfte sich indes noch verlängern aufgrund des sich verändernden Verhaltens vieler Urlauber.
Soll ich mir das wirklich antun?
Wo noch bis vor Kurzem – fast schon gedankenlos – der dritte Flugtrip im Jahr gebucht wurde, dürften nun auch solche Gedanken eine Rolle spielen: Soll ich mir die Mühen eines Corona-Tests und der Desinfektionsmaßnahmen wirklich antun? Ganz abgesehen davon, dass die Preise für solche Trips steigen werden, weil es mit jedem insolventen Anbieter weniger Konkurrenz gibt und überhaupt der Aufwand fürs Reisen zunimmt. Was bedeutet: Schnäppchen werden rarer, nicht zuletzt bei Kreuzfahrten.
Die Tourismuswelt könnte sich daher massiv verändern. Die positive Seite: Das Übermaß an Besuchern von Orten wie Venedig wird abnehmen. Zumindest eine gewisse Zeit lang werden sich Touristen dort nicht mehr gegenseitig im Weg stehen. Solche Orte werden für ihre Bewohner wieder lebenswerter. Die negative Seite: An den Destinationen werden Fremdenführer arbeitslos, Unterkünfte stehen leer. Prekär ist diese Entwicklung in ärmeren Staaten mit Tourismus als einem ihrer Hauptwirtschaftszweige. Selbst wenn es irgendwann Impfstoffe geben wird, die Reisen wieder sicherer machen, stellt sich die Frage: Was wird bis dahin an Infrastruktur verschwunden sein? Dieser Verlust wiederum bedroht besonders die Arbeit spezialisierter Touristikanbieter.
Urlaub wird kostbar
Corona beeinflusst gravierend die Art und Weise, wie wir Urlaub machen können – jedoch nicht nur in der Zeit, in der das Virus grassiert, sondern noch lange danach. Urlaub wird (wieder) zu etwas Kostbarem.