Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Einsatz von Explosivwaffen soll begrenzt werden

Die russischen Streitkräfte zertrümmern mit Explosivwaffen ukrainische Städte und Dörfer. Bei einem Raketenangriff am 11. Novemb
Die russischen Streitkräfte zertrümmern mit Explosivwaffen ukrainische Städte und Dörfer. Bei einem Raketenangriff am 11. November hat Russland nach Angaben aus Kiew dieses Wohnhaus in der Stadt Mykolajiw zerstört.

An diesem Freitag treffen sich in Dublin einige Staaten, um den Einsatz von Explosivwaffen einzugrenzen. Doch werden sich Länder wir Russland überhaupt darum scheren?

Was sind Explosivwaffen?
Es handelt sich um verschiedene Munitionsarten, die von Waffensystemen abgefeuert werden: Fliegerbomben, Artilleriegeschosse, Raketen, Panzergranaten, Streumunition sowie unkonventionelle oder behelfsmäßige Spreng- und Brandvorrichtungen.

Warum haben die Waffen verheerende Wirkungen?
Explosivwaffen sind für den Einsatz auf offenen Schlachtfeldern konzipiert. Die Explosionen erzeugen enorme Druckwellen, Hitze und Brände, außerdem verschleudern sie Splitter. Sie haben fürchterliche Folgen, wenn sie in bewohnten Gebieten mit ziviler Infrastruktur eingesetzt werden. Trauriges Beispiel: Die wahllosen Attacken der russischen Armee auf Städte und Siedlungen in der Ukraine. Das Ziel Moskaus: Terrorisierung der Bevölkerung und Zermürbung der Moral. Selbst wenn Militärs mit Explosivwaffen Ziele des Gegners exakt treffen, können Menschen und Einrichtungen in einem großen Umkreis sogenannte Kollateralschäden erleiden. Besonders verheerend ist der Gebrauch von veralteten, ungenauen Waffen und von Systemen mit einem weiten Explosionsradius.

Zivilisten leiden also besonders

unter dem Gebrauch der Munition?
Ja. Jedes Jahr werden nach Schätzungen Zehntausende Zivilisten durch Bombardierungen und Beschuss in Städten und bewohnten Gebieten getötet, verletzt und traumatisiert. Daten des Internationalen Netzwerks über Explosivwaffen zeigen, dass beim Einsatz von schweren Explosivwaffen in bewohnten Gebieten 90 Prozent der Opfer Zivilisten sind. Das Rote Kreuz schätzte Anfang 2022, also vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine, dass rund 50 Millionen Menschen in Siedlungsgebieten die Kriegsführung mit Explosivwaffen erdulden müssen. Im vergangenen Jahrzehnt waren 123 Länder oder Territorien vom Einsatz schwerer explosiver Waffen betroffen. Aktuelle Beispiele sind auch Äthiopien und Syrien. Wohnhäuser, Hospitäler, Schulen, Stromnetze, Wasser- und Abwassersysteme werden beschädigt und zerstört. Wer den Beschuss mit Explosivwaffen überlebt, kann in vielen Fällen nicht mit medizinischer Hilfe rechnen. So wurde durch Luftschläge 2015 ein Krankenhaus in Saada, Jemen, zerstört. Rund 200.000 Kinder, Frauen und Männer waren von ärztlicher Behandlung abgeschnitten. Die Kriegsgeräte machen urbane Flächen unbewohnbar und treiben die Menschen in die Flucht. So flüchteten zwischen April und Juli 2019 rund 120.000 Zivilisten vor dem Beschuss in Libyens Hauptstadt Tripolis.

Was beinhaltet die neue Erklärung von Dublin?
Die internationalen Gespräche über die Erklärung begannen vor rund drei Jahren auf Initiative Irlands, also vor der russischen Aggression in der Ukraine. Konkret wollen die Unterzeichner sicherstellen, dass ihre Streitkräfte „eine Reihe von Strategien und Praktiken annehmen und umsetzen, die dazu beitragen, Schaden von der Zivilbevölkerung abzuwenden“. Sie sollen den „Einsatz von Explosivwaffen in bewohnten Gebieten einschränken oder gegebenenfalls unterlassen, wenn davon auszugehen ist, dass ihr Einsatz Zivilisten oder zivilen Objekten Schaden zufügen kann“. Weiter soll den Opfern, einschließlich der Familien der Getöteten und Verletzten, besser geholfen werden. Staaten sollen Daten über zivile Schäden sammeln und die Umsetzung des Abkommens überwachen. Weiterhin gilt aber: Der Einsatz von Explosivwaffen in Siedlungsgebieten ist nicht per se verboten.

Die Saaten werden keinen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag abschließen. Hat die Erklärung überhaupt Biss, wenn sie nur eine Absichtserklärung ist?
Im schlechtesten Fall wird die Erklärung keine Wirkung entfalten. Die Vereinten Nationen und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hoffen aber auf eine Stärkung des humanitären Völkerrechts und setzen auf Verhaltensänderungen. Denn die Unterzeichnerstaaten müssten sich an ihren Versprechen messen lassen. Auch Rüstungsgegner sind optimistisch. „Offensichtlich befinden wir uns hier erst am Anfang eines internationalen Prozesses“, heißt es aus dem Internationalen Netzwerk über Explosivwaffen. „Die Vermeidung des Einsatzes dieser Waffen könnte sich langsam zu einem Standard entwickeln. Ein generelles Verbot bleibt aber das Ziel.“

Welche Staaten werden die Erklärung verabschieden?
Laut der Hilfsorganisation Handicap International wollen eine Reihe von Staaten mitmachen: darunter die USA, Deutschland, Österreich, die Schweiz, Australien, Belgien, Bulgarien, Frankreich, Großbritannien, Japan, Norwegen, Südkorea, Senegal, Schweden und Uruguay. Abseits stehen Russland und China.

Wird sich Moskau um die Erklärung scheren?
Nein. Es ist auszuschließen, dass Russland sich an die Dubliner Vorgaben halten wird.

Was schreibt das humanitäre Völkerrecht vor?
Die Haager Abkommen von 1899 und 1907 sowie die Genfer Abkommen von 1949 mit ihren Zusatzprotokollen bilden das Fundament des humanitären Völkerrechts. Dieses soll das menschliche Leid in bewaffneten Konflikten vermindern und baut auf Prinzipien wie der Unterscheidung auf. Danach müssen laut Auswärtigem Amt die Konfliktparteien „jederzeit zwischen Zivilbevölkerung und Kombattanten unterscheiden“. Es darf also nicht „unterschiedslos“ geschossen werden. Zivilisten dürfen nicht angegriffen werden. Angriffe dürfen ausschließlich auf militärische Einheiten und Objekte erfolgen. Militärische Ziele können aber in Siedlungsgebieten liegen und Attacken darauf mit Explosivwaffen sind nicht prinzipiell verboten. Andererseits muss jede Partei ihre Zivilbevölkerung so gut wie möglich vor Angriffen schützen, etwa indem die Menschen von militärischen Zielen entfernt untergebracht werden.

Wieso verbieten die Staaten nicht einfach den Einsatz der Explosivwaffen in besiedelten Gebieten?
Insbesondere die großen Militärmächte sperren sich gegen ein eindeutiges Verbot. Ihre Militärs und Politiker dulden keine Einschränkung ihrer operativen Handlungsoptionen in einem Konflikt.

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