Krieg in der Ukraine
Eine Monsterwaffe aus dem Kalten Krieg
Er wolle ein Beispiel für zivilisiertes Benehmen geben, erklärte Oleksij Arestowytsch. „Ich habe einen grundsätzlichen Fehler gemacht, also trete ich zurück.“ Damit reagierte der ukrainische Präsidentenberater auf Vorwürfe, denen er seit Samstag ausgesetzt war. Da hatte in Dnjepr eine russische Ch-22-Rakete ein neunstöckiges Wohnhaus getroffen, aus den Trümmern wurden bisher 45 Todesopfer geborgen. Abends erklärte Arestowytsch, vermutlich habe die ukrainische Luftabwehr die Rakete abgeschossen. Die russischen Medien griffen seine Worte freudig auf. Kremlsprecher Dmitri Peskow versicherte, Russland verübe keine Angriffe gegen Wohn- oder Sozialobjekte und berief sich dabei auf „Schlussfolgerungen gewisser ukrainischer Vertreter“ – also auf Arestowytsch.
Tatsächlich ist auf allen Videos von dem Einschlag nur eine Explosion zu hören, bei einem Abschuss der Ch-22 durch die Flugabwehr hätten es zwei sein müssen. Mikola Oleschtschuk, Kommandeur der ukrainischen Luftwaffe, erklärte, die Streitkräfte besäßen keine Waffen, um eine Ch-22 abzufangen. Diese Meinung teilen auch die Experten. „Die Russen setzen diese ballistischen Raketen ja auch ein, weil es sehr schwierig ist, sie zu stoppen“, sagt Oleksy Melnyk, früherer Kampfflieger und Sicherheitsexperte des Kiewer Rasumkow-Instituts. Selbst die Patriot-Systeme, die die USA der Ukraine demnächst liefern, träfen anfliegende Ch-22 unter idealen Bedingungen nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent.
Noch 162 Raketen in Reserve
Die Ch-22 werden auch „Flugzeugträgerkiller“ genannt. Ungetüme aus dem Kalten Krieg mit einer Geschwindigkeit von 4000 Kilometern pro Stunde, die von TU-22-Bombern aus gestartet werden. Die Sowjets entwickelten sie in den 60er Jahren, um US-Flugzeugträger und deren Geleitschutz zu versenken. Aber es sind keine wirklichen Präzisionswaffen, Fehlschüsse 600 Meter daneben gelten noch als Erfolg. Jetzt schlagen sie in ukrainischen Plattenbauten ein. Nach Angaben des Kiewer Verteidigungsministeriums hat Russland inzwischen 208 Ch-22 abgefeuert, noch 162 sind in Reserve. Experte Melnyk glaubt, Russland wolle seinen Raketenkrieg gegen die Ukraine fortsetzen, selbst wenn es dabei Marschflugkörper einsetzen müsse, die als Reserve für einen möglichen Konflikt mit der Nato bestimmt seien.
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