Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Eine Herkulesaufgabe für den äthiopischen Nobelpreisträger

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Äthiopien ist ethnisch gespalten. Kann Regierungschef Abiy Ahmed das Land befrieden?

Im Oktober bekam der neue äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed den Friedensnobelpreis. Viel Lob erntete er für seine Bemühungen seit Amtsantritt im Februar 2018: Er befriedete die Grenzstreitigkeiten mit Eritrea, das 1993 seine Unabhängigkeit von Äthiopien erlangte, lud politische Exilanten zurück ins Land ein, ließ Journalisten und politische Gefangene aus den Gefängnissen frei, reichte der Opposition die Hand und besetzte die Hälfte seiner Regierung mit Frauen. Doch die Unruhen nehmen zu. Drei Millionen Menschen sind zu Binnenflüchtlingen geworden, 1,5 Millionen allein im Jahr 2018. Die Geschichte des Landes mit den vielen Ethnien gibt Aufschluss.

Kleine Gruppe an der Macht

Die Oromo stellen rund zwei Drittel der Bevölkerung Äthiopiens, doch ihr Einfluss war stets sehr gering. Die Amharen sind mit rund 25 Millionen die zweitgrößte Gruppe. Die Macht hatten nach dem Ende der kommunistischen Ära von 1974 bis 1991 jedoch die Tigre aus dem Norden, mit ungefähr sechs Millionen eine recht kleine Gruppe. Die „Tigray Befreiungsfront“ versprach zwar, den „ethnischen Föderalismus“ umzusetzen, doch in der Realität unterdrückte sie die anderen Volksgruppen und herrschte diktatorisch.

So kam es zunehmend zu Unruhen und blutigen Protesten gegen die Machthaber. Aufgrund dieses Drucks trat Ministerpräsident Hailemariam Desalegn im Februar 2018 zurück. Die Parteienkoalition „Demokratische Front der Äthiopischen Völker“ bestimmte Abiy Ahmed zu ihrem Vorsitzenden und wählte ihn anschließend zum Ministerpräsidenten.

Polarisierung nimmt zu

Regierungschef Ahmed ist Oromo – ein Novum. Er hat promoviert mit einer Fallstudie über Lösungen interreligiöser Konflikte, berichtet Abel Abate Demissie, Politikanalyst aus Addis Abeba. Er sieht das Land in einer „schweren Krise“ durch „ethnisch-religiös motivierte Übergriffe“. Während zuvor die Tigre allein herrschten, kämpfen nun unter der liberaleren Führung Ahmeds die zuvor unterdrücken Ethnien um Einfluss.

Die gesellschaftliche Polarisierung nimmt zu, weil den politischen – wie auch religiösen – Gruppen bewusst ist, dass sich ihnen plötzlich ungeahnte Chancen der Mitbestimmung auftun. Oft sind Ethnie und Religion miteinander verknüpft. Dem Oromo und Protestanten Ahmed wird nicht nur vorgeworfen, Oromo zu bevorzugen, sondern auch der protestantischen Kirche eine größere Bühne zu geben. Das schürt Ängste und Spannungen unter den beiden anderen großen Religionsgruppen, den Muslimen und Äthiopisch-Orthodoxen.

Das Leben ist besser geworden

Hat Abiy Ahmed also überhaupt eine Chance, das Land zu befrieden? Die meisten Stimmen aus dem Volk sind trotz der Unruhen und der abflauenden Euphorie positiv. Endlich herrsche Freiheit im Land, das Leben sei sehr viel besser geworden, lautet unisono die Antwort auf die Frage nach Ahmeds Politik. „Zuvor musste man ständig Angst haben, wurde überall von Handlangern der tigrischen Machthaber beobachtet und fürchtete Repressionen“, sagt Berhanu Gelaw, Gründer und Leiter einer äthiopischen Hilfsorganisation. Dass er selbst für eine deutsche Gruppe, die zur Entwicklungshilfe unterwegs ist, eine Militäreskorte „zur Sicherheit“ bestellt, steht für ihn nicht im Widerspruch zu einer friedlichen Entwicklung des Landes.

„Es sind nicht die Menschen verschiedener Völker, die sich von sich aus bekriegen“, ist er überzeugt. „Sie tun es nur, wenn deren Anführer es ihnen sagen.“ Und da Vertreter aller Ethnien kürzlich übereingekommen seien, friedlich mit- statt gegeneinander zu arbeiten, sieht er es nur als Frage der Zeit an, bis sich die Spannungen und Unruhen im Volk legen.

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