Fall Nawalny RHEINPFALZ Plus Artikel Eine geheimnisvolle, angebliche Geliebte

Soll in einem Hotel in Tomsk vergiftet worden sein: Alexej Nawalny.
Soll in einem Hotel in Tomsk vergiftet worden sein: Alexej Nawalny.

Der Kreml streitet ab, dass der Oppositionelle Alexej Nawalny vergiftet wurde. Statt die Attentäter zu suchen, wird eine Klatschgeschichte aufgetischt, um den 44-jährigen Familienvater zu verunglimpfen.

Sie ist brünett, lockig, hat ein hübsches Gesicht. Aber vor allem ist sie rätselhaft. Seit Wochen fahndet Moskaus Boulevardpresse nach ihr. Nach der „geheimnisvollen schönen jungen Frau“, so das kremlnahe Klatschportal life.ru, die Nawalny „diskret auf seiner Reise begleitete“.

Schon einen Tag nach Alexej Nawalnys Vergiftung im sibirischen Tomsk bezeichnete life.ru diese Frau als „pikante Einzelheit aus seinem Privatleben“.

Eine 33-jährige Russin

Das Klatschportal liefert weitere Einzelheiten. Sie sei eine 33-jährige Russin namens Maria Pewtschich, wohnhaft in London und seit 2009 für Nawalnys Antikorruptionsstiftung FBK aktiv. Sie verkehre nur mit Nawalny persönlich, seine engsten Mitstreiter wüssten nicht von ihr.

Der Kreml bleibt bekanntlich weiter bei seiner Behauptung, dass bei zahlreichen Analysen russischer Mediziner in Nawalnys Körper keinerlei Giftstoffe gefunden worden seien. Regierungsnahe Medien stricken derweil an dieser Version: Maria Pewtschich, so unbekannt wie dämonisch, sei Nawalnys Geliebte gewesen und womöglich habe sie ihn auch vergiftet. Die Soziologin sei Nawalny auf seiner Sibirienreise keinen Schritt von der Seite gewichen. „Sie hat buchstäblich die Nächte in seinem Hotelzimmer verbracht“, versichert eine anonyme Quelle.

Mitarbeiter lachen über Anschuldigungen

Nawalnys Umgebung reagiert mit Gelächter auf die Anschuldigungen. Der Antikorruptionsermittler Georgi Alburow gehörte wie Maria Pewtschich zu dem sechsköpfigen Rechercheteam, das Nawalny nach Sibirien begleitete. Er schrieb auf Instagram, er arbeite seit acht Jahren mit ihr zusammen, es sei widerlich, dass die Medien jetzt Jagd auf sie und ihre Verwandten statt auf die Attentäter machten, die Nawalny vergifteten. Die FBK-Juristin Ljubow Sobol, die als Vertraute Nawalnys gilt, bezeichnet Pewtschich als gute Freundin und hochanständig. „Dieser Schwachsinn über sie dient dazu, die Aufmerksamkeit davon abzulenken, dass in unserem Land Oppositionelle mit chemischen Kampfstoffen vergiftet werden.“

Polizei soll nach der Frau fahnden

Die kremlnahen Medien spekulieren munter, ob Maria Pewtschich eine Wasserflasche mit Gift nach Russland herein- und dann wieder hinausgeschmuggelt habe, und fordern von der EU Auskunft über ihren Aufenthaltsort. Die russische Polizei soll inzwischen nach ihr fahnden. Im eigentlichen Fall Nawalny dagegen wurde noch immer kein Ermittlungsverfahren eröffnet.

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