USA RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Wahlkampf ganz nach Trumps Geschmack

Mit Polizisten und vor zerstörten Geschäften zeigte sich Donald Trump in Kenosha. Mit im Schlepptau: Justizminister William Barr
Mit Polizisten und vor zerstörten Geschäften zeigte sich Donald Trump in Kenosha. Mit im Schlepptau: Justizminister William Barr (links).

Treiben in Amerikas Städten Horden von Anarchisten ihr Unwesen? US-Präsident Trump wird nicht müde, das zu behaupten, und posiert kamerawirksam vor ausgebrannten Geschäften in Kenosha. Herausforderer Joe Biden hat dem bisher wenig entgegenzusetzen.

Kaum zurückgekehrt aus Kenosha im Südostzipfel des Bundesstaats Wisconsin, legte Donald Trump auch schon mit einem Tweet nach. Joe Biden, schrieb der Präsident am Mittwoch, stehe nicht auf der Seite der Polizisten. Anhaltspunkte, warum das so sei, gab Trump nicht. Er hingegen, schwadronierte der Präsident, habe das Problem schnell gelöst – was die Menschen in Wisconsin zu schätzen wüssten. „Joe Biden wüsste nicht mal, wo er anfangen müsste.“

In Kenosha, wo ein weißer Polizist den Afroamerikaner Jacob Blake durch sieben Schüsse in den Rücken schwer verletzte, hat der Präsident am Dienstag vorexerziert, wie er sich den Wahlkampf der nächsten Wochen vorstellt. Er soll nach seinem Willen ganz im Zeichen von Recht und Ordnung stehen. Ein Treffen mit der Familie des 29-Jährigen lehnte er ab. Die habe nur im Beisein von Anwälten mit ihm reden wollen, begründete Trump die Absage.

Trump nahm die Polizei in Schutz

Über Blake, dessen drei Söhne von der Rückbank seines Autos mit ansehen mussten, wie ihr von Kugeln getroffener Vater zusammenbrach, sagte der Präsident nur das Allernötigste: Er fühle mit jedem, der so etwas durchmachen müsse.

Umso mehr Zeit verwandte der Wahlkämpfer Trump darauf, die Polizei in Schutz zu nehmen. Die Beamten hätten ein schweren Job zu erledigen, erklärte er bei einem Gespräch vor Ort in Kenosha, einer Stadt, die direkt an der Grenze zu Illinois liegt – gut 100 Kilometer nördlich von Chicago. Unter dem Druck, der mit der Erfüllung ihrer Aufgaben einhergehe, manchmal in einer Viertelsekunde entscheiden zu müssen, versagten eben bisweilen die Nerven, wiederholte Trump, was er zuvor bereits einem Fernsehsender gesagt hatte. In einem Interview mit Fox News verglich er Polizisten, die womöglich unbedacht die Waffe ziehen, mit Golfspielern, denen drei Fuß vor dem Loch, in dem sie den Ball versenken müssen, die Nerven einen Streich spielen. Seine Botschaft an die Polizisten sei folgende: „Die Menschen in unserem Land lieben euch.“

„Inländischer Terrorismus“

Bei den Ausschreitungen hingegen, betonte er in Kenosha zu Bildern ausgebrannter Läden, handele es sich um inländischen Terrorismus. Die Reporterfrage, ob nicht systemischer Rassismus ein Problem in den USA sei, beantwortete er, wie so oft, mit Medienschelte. Man habe es mit Plünderern, Randalierern, Aufwieglern zu tun, „und das ist es, worauf Sie sich in Ihrer Frage konzentrieren sollten“. Über Kyle Rittenhouse, einen 17-Jährigen, der in Kenosha zwei gegen die Schüsse auf Jacob Blake Protestierende tötete und einen weiteren verletzte, verlor er kein Wort.

Bewaffnet mit einem Sturmgewehr war der Teenager aus dem Nachbarstaat Illinois nach Wisconsin gefahren, um – nach seinen Worten – Geschäfte vor Plünderern zu schützen. Trump hatte ihn zu Wochenbeginn verteidigt, indem er dem Teenager bescheinigte, in Notwehr gehandelt haben.

Trump streut Gerüchte

Statt zum Feuerlöscher zu greifen, gieße er nur Öl ins Feuer, kommentiert die Opposition der US-Demokraten. Gerade mit Blick auf die Causa Rittenhouse hätte er klare Worte finden müssen – zu provozierenden Privatmilizen, zur Gefahr einer bürgerkriegsähnlichen Eskalation. „Wir brauchen einen Präsidenten, der die Temperatur senkt“, mahnte Joe Biden, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, in einem Tweet.

Dass der Amtsinhaber keine Hemmungen kennt, um sein Law-and-order-Motiv kontrastreich auszumalen, hat er rund um den Trip nach Kenosha einmal mehr bewiesen. So nahm Trump ein Gerücht auf, wonach ein zorniger Mob versucht habe, in das Haus John Antaramians, des Bürgermeisters der Stadt, einzudringen. Nichts dergleichen sei geschehen, dementierte Antaramian.

Zudem behauptete Trump, dass es heute kein Kenosha mehr gäbe, hätte er nicht darauf bestanden, die Nationalgarde in die Stadt zu schicken. In Wahrheit war es Tony Evers, der demokratische Gouverneur Wisconsins, der die militärischen Einheiten der Garde nach Kenosha entsandte, um die Unruhen in den Griff zu bekommen. Über das lokale Geschehen in Kenosha hinaus sorgen weitere abstruse Thesen für Wirbel. In besagtem Interview mit Fox News sprach Trump von Leuten „tief in der Schattenwelt“, an deren Fäden sein Rivale Biden angeblich tanze – „Leute, von denen Sie noch nie gehört haben“. Dann sprach er von einem Flugzeug voller Anarchisten in schwarzen Uniformen, die vergangene Woche nach Washington geflogen seien, um den Wahlparteitag der Republikaner zu stören. Man habe jemanden an Bord gehabt, der dies bezeugen könne.

Die Schlagzeilen macht der Präsident

Später, als Journalisten nachhakten, wich Trump aus. Als Erstes müsse er prüfen, ob diese Person bereit sei, mit den Medien zu reden. In Fox News hatte er erklärt, er werde dies später konkretisieren. Die Ermittlungen dürften nicht gestört werden.

Zugleich gab Trump den Retter der Geschäftsleute, die durch die Krawalle Schaden erlitten haben: „Wir werden Ihnen beim Wiederaufbau helfen“, so der Präsident. Später sagte er mindestens 47 Millionen Dollar (39 Millionen Euro) zu, um die Strafverfolgung zu stärken und Kleinunternehmen zu helfen. Wisconsin gehörte zu den Staaten, die Trump 2016 den Wahlsieg bescherten. Unerwartet siegte er hier ganz knapp, wie auch in Michigan und Pennsylvania. Herausfordererin Hillary Clinton hatte Wisconsin im Wahlkampf sträflich vernachlässigt.

Biden liegt aktuell im Schnitt aller Umfragen in Wisconsin 3,5 Prozentpunkte vor Trump. Der Herausforderer unterstrich, wie einseitig der Präsident sich positioniere. Dieser habe sich geweigert, „die Worte auszusprechen, die die Menschen in Wisconsin und die Amerikaner im ganzen Land heute vom Präsidenten hätten hören wollen: eine Verurteilung jeder Art von Gewalt, ganz gleich wer sie begeht“, erklärte Biden. „Trump kann sich nicht dazu durchringen, Gewalt zu verurteilen, die er selbst schürt.“ Die Schlagzeilen machte jedoch Trump, weil er – anders als Biden – vor Ort ging. Am Mittwoch kündigte der Demokrat dann an, an diesem Donnerstag mit seiner Frau Jill nach Kenosha zu reisen.

Patriotisch zeigte sich Joe Biden in seiner Erwiderung auf Trumps Wisconsin-Reise. Vor Ort in Kenosha aber war er selbst bisher
Patriotisch zeigte sich Joe Biden in seiner Erwiderung auf Trumps Wisconsin-Reise. Vor Ort in Kenosha aber war er selbst bisher nicht.
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