Tigray RHEINPFALZ Plus Artikel „Du bist der Erste, der hier auftaucht“

Vor einer Konditorei in Tigray steht ein junger Verkäufer. Zwei Jahre lang war die Provinz von der Außenwelt abgeschottet.
Vor einer Konditorei in Tigray steht ein junger Verkäufer. Zwei Jahre lang war die Provinz von der Außenwelt abgeschottet.

Mehr als eine halbe Million Menschen sollen in Tigray umgekommen sein. Reportern wird der Besuch der Region im Norden Äthiopiens schwer gemacht.

Zwei Jahre lang schenkte die Welt dem Bürgerkrieg in Tigray kaum Beachtung. Seit November sollten die Kämpfe eigentlich beendet sein, doch Reporter aus dem Ausland sind der Regierung ein Dorn im Auge. Unser Korrespondent Johannes Dieterich hat sich dennoch auf den Weg gemacht.


Als das Flugzeug auf der Landebahn von Mekelle aufsetzt, lassen viele ihren Gefühlen freien Lauf: Frauen stoßen schrille Schreie aus, Männer klopfen sich freudestrahlend auf die Schultern, hinter mir bricht eine Mutter von zwei Kindern in unkontrolliertes Schluchzen aus. Sie habe ihre Eltern seit drei Jahren nicht mehr gesehen, sagt die gut 30-Jährige: Zum Glück seien sie wohlauf, aber einer ihrer Cousins habe den Krieg nicht überlebt.

Mehr als zwei Jahre lang war Äthiopiens Tigray-Provinz von der Außenwelt abgeschottet – die Grenzen verriegelt, das Telefonnetz gekappt, von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Bis Äthiopiens Regierung mit der Volksbefreiungsfront Tigray (TPLF) Anfang November in Südafrika einen Friedensvertrag schloss. Seitdem sollten die Kämpfe eigentlich beendet, die Grenzen geöffnet und die Provinz wieder Teil der äthiopischen Bundesrepublik sein.

Warnung vor ernsten Folgen

Vor zehn Tagen nahm Ethiopian Airlines seine Flüge in die Provinzhauptstadt Mekelle wieder auf. Vier Tage vor dem orthodoxen Weihnachtsfest ist der Andrang dermaßen stark, dass die Fluglinie statt täglich einer Maschine gleich drei hintereinander einsetzen muss. Die Bewegungsfreiheit gilt allerdings nicht für alle: Reportern verwehrt die Regierung in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, nach wie vor den Zugang zur Bürgerkriegsprovinz – vor allem, wenn sie aus dem Ausland kommen. Ein illegaler Besuch in Tigray werde ernste Folgen haben, warnt der Verantwortliche im Akkreditierungsbüro Addis Abebas, was die Reise nur noch dringlicher macht. Was hat die Regierung dort zu verbergen?

„Du bist der Erste, der seit über einem Jahr hier auftaucht“, sagt Samuel bei der Begrüßung am Flughafen. Fünf Tage lang werde ich in der Provinzhauptstadt kein anderes Bleichgesicht sehen. Mein Freund von früheren Besuchen erzählt, dass vor wenigen Monaten seine 41-jährige Frau gestorben sei: an einer Entzündung, die mit Antibiotika ohne weiteres hätte geheilt werden können. Wegen der Blockade gab es in Tigray jedoch keine Medikamente – jetzt muss Samuel seine 16- und zehnjährigen Söhne alleine aufziehen.

Im November 2020 hatte der Tigray-Konflikt mit einer Offensive der äthiopischen Streitkräfte begonnen, nachdem die in Tigray regierende Rebellenorganisation TPLF die Autorität der Zentralregierung infrage gestellt hatte. Mindestens zwei Millionen Menschen wurden vertrieben, rund eine halbe Million Menschen wurden einer US-Schätzung zufolge in dem Konflikt getötet.

Heute wirkt die Provinzhauptstadt Mekelle wie ein Schatten ihrer selbst. Sogar während der Besetzung durch äthiopische Regierungstruppen war die eigentlich eine knappe halbe Million Einwohner zählende Provinzhauptstadt belebter. Heute sitzen Verkäuferinnen und Verkäufer vor fast leeren Geschäften und starren mit ebenso leerem Blick in die Ferne. Auf den Straßen sind hin und wieder dreirädrige Tucktucks, klapprige Minibusse oder Eselgespanne auszumachen. Erstere schalten bei einer Talfahrt ihre Motoren aus, um Sprit zu sparen. Ein Liter Benzin kostet derzeit mehr als vier Euro – für fast jeden in Tigray unerschwinglich.

Die meisten Banken sind ohnehin noch immer geschlossen. Die wenigen geöffneten geben ihren Kunden pro Woche höchstens 1500 Birr aus, weniger als 30 Euro. Die längsten Schlangen haben sich vor den Läden für Telefonkarten gebildet: Weil zwei Jahre lang kein Handy ging, sind die alten Karten abgelaufen. Gleich hinter dem „Hotel Northern Star“ wird Nahrungsmittelhilfe verteilt, die das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen seit Mitte vergangenen Monats wieder in die Provinz karrt. In Reih und Glied sitzen Dutzende vor allem ältere Menschen auf dem Boden und warten geduldig, bis sie dran sind.

Viele Kinder verhungert

Täglich kämen mehrere unterernährte Kinder in seine Station, berichtet ein Arzt des Ayder-Hospitals. Doch das wirkliche Problem seien diejenigen, die nicht auftauchen. Ausgehungerte Kinder in ländlichen Regionen, die in Ermangelung von Transportmitteln und Geld niemals in ein Krankenhaus kommen. In ihrem Dorf seien schon mehrere Kinder verhungert, berichtet die Mutter des sechs Monate alten Getenet. Dessen Haut ist runzlig wie die eines Greises.

Fast der gesamte Norden und Westen Tigrays ist weiterhin von eritreischen Truppen besetzt, die Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed vor zwei Jahren zur Unterstützung seiner Invasion gerufen hatte. Bei den Friedensgesprächen in Südafrika war Eritrea nicht vertreten – das ließ die Befürchtung aufkommen, der eritreische Diktator Isaias Afwerki könne zum Friedensverderber werden.

Tatsächlich befinden sich seine Truppen auch zwei Monate nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags noch immer in Tigray, und werden – wie schon während der ersten heißen Phase des Kriegs – zahlreicher Massaker, Vergewaltigungen und Plünderungen bezichtigt. Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags seien schon mehr als 4000 Menschen getötet worden, heißt es in Mekelle. In einer der beiden Fernsehstationen Tigrays sind Bilder von einer Karawane vollbepackter Kamele in den Straßen der Provinzstadt Shires zu sehen. Sie transportierten Beutegut nach Eritrea ab, sagt der Sprecher: von Baumaterialien über Möbel bis zu Töpfen und Löffeln.

Der strategische Kopf der Verteidigungskräfte Tigrays (TDF) – der schon aus früheren Kriegen legendäre General Tsadkan Gebretensae – rechnet damit, dass allein in den letzten zweieinhalb Kriegsmonaten mehr als 150.000 Soldaten fielen. Noch heute seien die Schlachtfelder von den Überresten nicht beerdigter Gefallener übersät. Der knapp 70-Jährige sitzt im Trainingsanzug auf der Terrasse seiner Villa in einem schmucken Stadtteil von Mekelle, bietet seinem Gast äthiopischen Kaffee an und spricht mit sanfter Stimme. Tsadkan ist überzeugt davon, dass inzwischen auch Premierminister Abiy den Frieden brauche. Ohne ihn werde sein wirtschaftlich schwer angeschlagenes Land nicht wieder auf die Beine kommen. „Wir sind zur Kooperation mit Abiy bereit“, sagt der Vier-Sterne-General.

Vor eineinhalb Jahren hatte TPLF-Sprecher Getachew Reda noch jede Verständigung mit dem kompromittierten Friedensnobelpreisträger ausgeschlossen. „Wir haben jedes Vertrauen in ihn verloren“, so Getachew damals im Interview. Heute setzt der einstige äthiopische Informationsminister alle Hoffnung auf Abiy – vor allem wenn es darum geht, die Eritreer aus Tigray hinaus zu komplimentieren. Abiy habe die Nachbarn zur Hilfe gerufen, jetzt müsse er sie auch wieder loswerden. Gelinge ihm das nicht, sei eine Wiederaufnahme des Krieges unvermeidlich. Selbst bei einem Abzug der Eritreer ist jedoch längst nicht geklärt, ob Tigray tatsächlich Teil der äthiopischen Bundesrepublik bleibt. Äthiopiens Verfassung räumt jeder Provinz ausdrücklich das Recht zur Abspaltung ein.

Von Feinden umgeben

Kinfe Hadush, Sprecher der oppositionellen „Partei der Dritten Revolution in Tigray“, glaubt zu wissen, wie ein Volksentscheid über die Unabhängigkeit ausgehen würde: „Mehr als 95 Prozent der Bevölkerung werden dafür stimmen.“ Vermutlich ist das nicht übertrieben, denn nach den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre kann sich kaum jemand in Tigray noch ein Zusammenleben mit „den Äthiopiern“ vorstellen. Noch schwieriger könnte es für die Bevölkerung allerdings nach einer Sezession werden, denn die auf allen Seiten von Feinden umgebene Provinz müsste sich auf eine Blockade wie in den vergangenen zwei Jahren gefasst machen, nur eben ohne Ende.

Wie das aussehen könnte, hat die Regierung in Addis Abeba bereits durchblicken lassen. Nach dem orthodoxen Weihnachtsfest untersagte sie allen zwischen 18- und 50-Jährigen in Tigray die Einreise nach Addis Abeba. Als ob man auf das Minderheitenvolk (gut fünf Prozent der 120 Millionen Äthiopier) gar keinen Wert mehr lege.

In Mekelle ist schon heute abzulesen, wie Tigray in zehn Jahren aussehen könnte: Eine um Jahrzehnte zurückgeworfene Provinz, die zwar mit knapper Not den Krieg überlebte, aber vollends am Frieden scheiterte. „Dann bis zum nächsten Mal zur Unabhängigkeitsfeier“, scherze ich beim Abschied von Samuel – der verzieht nur bitter den Mund.

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